Rückkehr nach Pokrowsk und dann Kiew (28.02/01.03.2017)

Rückkehr nach Pokrowsk und dann Kiew (28.02/01.03.2017)

Auf der Rückfahrt machten wir bei Pater Pawel in Nowohrodiwka Halt. Ich traf ihn bereits im Oktober. Die beiden Alexander hatten ihn mir vorgestellt. Erst kürzlich hatte ich mit ihm am Telefon gesprochen und nun zeigte er uns die ukrainisch-orthodoxe Kirche, die relativ neu in einem ehemaligen Geschäft eingerichtet wurde. Dort beteten wir gemeinsam für die Gefallenen und Gesundheit der noch Lebenden.

Danach fuhren wir über Myrnohrad weiter, wo wir Alexander (den Kaplan) abluden. Wir verabschiedeten uns herzlich. Dabei meinte er zu mir, ich solle doch bitte über das Erlebte berichten, dass man in Deutschland einen Eindruck bekommt, was im Donbass vor sich geht. Dieser Bitte versuche ich durch diese Berichte nachzukommen.

Der zweite Alexander, der den VW T4 fährt, fragte, ob ich die Szene mit dem Schrapnell und dem Gebet aufgenommen hatte, was ich bejahte. Er wollte das Video gerne auf seinem Smartphone haben. Dazu fuhren wir zu Alexej, dem Leiter des Kinderheims, weil es dort einen Computer gab. Ich hatte nämlich eine Videokamera benutzt und nicht das Smartphone. Doch als wir dort ankamen und es am Computer versuchten, klappte die Übertragung nicht. Auch in einem nahegelegenen Computerladen funktionierte es nicht. Allerdings zeigte die Kamera das Video, so dass ich es in Kiew nochmals versuchen wollte.

Unverrichteter Dinge machten wir uns zusammen mit Alexej gegen 19 Uhr zum Kinderheim auf den Weg, wo ich nochmals übernachten konnte. Am nächsten Morgen sollte es um 4 Uhr früh zum Bahnhof losgehen, denn der Zug fuhr kurz nach halb fünf nach Kiew.

Die Straßen waren schrecklich und weil es regnete und taute, konnte man die Schlaglöcher kaum erkennen. Plötzlich machte es einen Schlag und prompt hatte das rechte Vorderrad einen Platten.

Am Straßenrand, etwas außerhalb des Stadtzentrums von Pokrowsk, fing Alexander an, das Rad zu wechseln. Das Gute war, dass er für den Fall vorgesorgt und ein Ersatzrad dabei hatte. Glück im Unglück war außerdem, dass uns das jetzt, in der Stadt passierte. Nicht auszudenken, wenn das in Awdijiwka oder auf dem Weg von dort zurück geschehen wäre.

Allerdings reichte der Wagenheber nicht aus, um das Fahrzeug hoch genug zu pumpen. Alexej rief einen Bekannten an, der kurz darauf erschien und einen anderen Wagenheber brachte. Nach gut einer Stunde im nasskalten Wetter war das Rad getauscht.

Im Kinderheim aßen wir zu Abend und gingen dann frühzeitig ins Bett. Die Nacht wurde kurz und am nächsten Morgen brachte mich Alexander zum Bahnhof. Bei unserem Abschied versprach ich, wieder zu kommen und dann hoffentlich Hilfe mitbringen zu können.

Bei der achtstündigen Zugfahrt gab es prinzipiell keine Besonderheiten. Ich ließ vor meinem inneren Auge die Erlebnisse der letzten Tage passieren. Zwar war vieles wieder neu, doch nicht mehr so ungewöhnlich wie die letzten Male im Mai, August und Oktober des Vorjahres.

In Kiew angekommen, fuhr ich mit der Metro nach Hause und schaute erst einmal nach, was alles während meiner Abwesenheit an Emails und Nachrichten bei mir ankamen. Dann versuchte ich sofort, das Video für Alexander auf den Computer zu laden, um es ihm zu senden. Doch auch bei mir gab es Probleme, die sich erst nach ein paar Stunden lösen ließen.

Eigentlich hatte ich vor, den Mittag zu nutzen, um einen Zeitungsartikel über die Blockade zu schreiben und noch am gleichen Tag abzusenden. Abends wollte ich nämlich zu der Ausstellung „Promka“, bei der Fotos aus dem umkämpften Industriegebiet in Awdijiwka gezeigt werden sollten. Doch mit dem Schreiben wurde nichts, denn das Video fraß mehr Zeit als erwartet.

Bei der Ausstellung waren mehrere Journalisten und diplomatische Vertreter anwesend, mit denen ich ins Gespräch kam. Das mitunter deshalb, weil ich erst den Tag zuvor in Awdijiwka war. Allerdings befand ich mich nicht unmittelbar im Industriegebiet, sondern sprach nur mit Zivilisten. Doch dass sich diese nicht aus der Stadt vertreiben lassen wollen, überraschte die diplomatischen Vertreter, mit denen ich sprach.

Der Fotograf und zwei Kriegsberichterstatter erzählten dann über ihre Erfahrungen, was ich hier unbedingt wiedergeben möchte. Das haarsträubende daran ist nämlich, dass einige der abgebildeten Soldaten nicht mehr am Leben sind. Sie meinten, dass an der Front der Zufall entscheide, ob man am Leben bleibt oder stirbt. Der Grad zwischen Leben und Tod beträgt manchmal nur Sekunden, weil man zum Beispiel seine Zigarette ausrauchen wollte und just in dem Moment der Weg unter Feuer stand, den man sonst gegangen wäre.

Noch schockierender fand ich den Bericht, dass an einem Tag über mehrere Stunden Trommelfeuer auf eine Stellung niederging, in der sich der Fotograf mit ein paar Soldaten verschanzt hatten. Plötzlich sprang einer der jungen Männer auf und lief schreiend nach draußen, wo ihn Maschinengewehrsalven in Stücke zerhackten. Dieser Selbstmord erschreckte die anderen so sehr, dass keiner mehr auf die Idee kam, etwas ähnliches zu tun.

Was diese Leute – Fotografen, Journalisten und Soldaten – erlebten, geht weit über die Vorstellungskraft eines „normalen Menschen“ hinaus. Und ich persönlich bin nicht daran interessiert, solche Erfahrungen zu machen. Mir reicht, was ich vor Ort gehört und gesehen habe. Alles muss ich nicht haben. Als „Held“ fühle ich mich sowieso nicht, denn wie Alexander, der Fahrer, immer antwortete, als ich im Oktober fragte, ob es gefährlich wird: „Es kann immer etwas passieren – ob nun im Krieg durch eine Kugel oder durch Splitter, oder ob auf der Straße in Kiew durch einen Unfall – so ist das Leben.“

Mit diesen Worten schließe ich also die Berichte über meine viertägige Reise im Donbass.

Besuch in Awdijiwka (28.02.2017)

Besuch in Awdijiwka (28.02.2017)

Auf der Fahrt nach Awdijiwka wurde mir erzählt, dass der ukrainische Geheimdienst von zirka 500 Panzern im Separatistengebiet ausgeht und die Ukraine über zirka 300 Panzer verfügt. Bei anderem militärischen Gerät ginge man von einem ähnlichen Kräfteverhältnis aus. Das sei keine wirklich geheime Information, sondern solle verdeutlichen, dass sich militärisch für die Ukraine kaum eine Offensive bewerkstelligen lässt. Schon in Kiew hörte ich von einem „Insider“ vergleichbare Daten.

Vor zwei Wochen nannte man mir bei diesem Gespräch drei Ebenen für die jüngste Eskalation in Awdijiwka (die eigentlich Ende Januar begann): zum einen eine strategische, da die Ukrainer von ihrer Position aus eine Straße zwischen Donezk und Horliwka kontrollieren können; zum anderen eine geopolitische, um den Krieg in internationalen Medien präsent zu halten; und dann wären da noch interne Streitereien um die Kokerei, was unter anderem mit der Blockade zusammenhängt. Dabei sind die Leidtragenden Zivilisten auf beiden Seiten der Front, die wegen der Kampfhandlungen in Mitleidenschaft gezogen werden. Schuldige will ich dabei nicht ausmachen, denn alle Beteiligten könnten Nutzen aus der Eskalation ziehen.

Kurz vor der Stadt hielten wir an, weil mir die beiden Alexander Mörsereinschläge auf der Zufahrtsstraße zeigen wollten. Warum gerade dort Einschläge zu verzeichnen sind, konnten sie mir nicht beantworten. Sie meinten nur, dass auf Seiten der Separatisten russische Soldaten zu „Übungszwecken“ eingesetzt würden. Das wäre durch Gefangennahme von „Separatisten“ bestätigt. Auf meine Frage, warum die nicht auf Übungsgelände herumballern können, bekam ich die Antwort, dass es dort keine realen Kriegsbedingungen gäbe: dort wird das Feuer nicht erwidert.

Nach gut einer Stunde tauchte dann im Nebel vor uns die Kokerei auf (Video). Die Straßenverhältnisse waren katastrophal, da über diesen Weg militärisches Gerät transportiert wird. Die Kokerei liegt etwas nördlich und bis zur südlichen Stadtgrenze, wo es ins umkämpfte Industriegebiet geht, sind es fast 2 Kilometer. Dort stehen neunstöckige Wohnhäuser, die bei früheren Kämpfen stark beschädigt wurden. Ein Haus wird vom ukrainischen Militär genutzt und da Alexander als Militärgeistlicher mit den dort stationierten Soldaten sprechen wollte, fuhren wir durch die Neustadt.

Ich machte ein paar Fotos und ging auch zu der Stelle, wo vor einigen Wochen eine Wandmalerei an dem beschossenen Haus angebracht wurde. Aus dem Industriegebiet war derweil am frühen Nachmittag Beschuss zu hören – ob Panzer oder Artillerie, kann ich nicht unterscheiden. Lautes Donnern jedenfalls. Das Bild ist inzwischen sehr bekannt und zeigt die Lehrerin Maryna Martschenko, die ukrainische Literatur an der örtlichen Schule unterrichtet. Es wurde von dem australischen Künstler Guido van Helten angebracht (hier ein Bericht auf Englisch).

Als zwei Damen aus dem Haus kamen, fragte ich sie, ob sie noch in dem fast zerstörten Haus leben. Antwort: natürlich, wo sollten sie auch sonst hin? Zum Weggehen hätten sie kein Geld und in der Stadt gäbe es noch in der Kokerei Arbeit. Bis auf den Beschuss wäre das Leben auch erträglich. Am Tag zuvor wurde auch wieder der Strom angeschalten, der für längere Zeit ausgefallen war. Ich wollte wissen, wie viele Leute in dem Haus leben. Auf der zerstörten Haushälfte, die Richtung Donezk zeigt, seien noch drei Familien; auf der anderen Hälfte seien eigentlich alle Wohnungen belegt. Zehn Kinder würden dort auch leben, die aber gerade in der Schule seien.

Als ich die Bilder gemacht hatte, ging ich zurück zu den beiden Alexandern, die fragten, wo ich sonst hin möchte. Da ich im Kopf hatte, dass es vor kurzem eine Zeltstadt mit humanitärer Hilfe gab, fragte ich, ob wir dorthin könnten. Doch diese Noteinrichtung wurde inzwischen abgebaut. Also meinte ich, dass wir ins Stadtzentrum könnten, wo wir das letzte Mal im Oktober ein Denkmal mit Geschossresten sahen. Auf den Weg dorthin sah ich „Marschrutkas“ (eine Art öffentlicher Nahverkehr), in denen Leute saßen, als ob nichts wäre. Auch Fahrradfahrer und Passanten waren unterwegs. Und doch war das Donnern schwerer Geschütze zu hören, sowie das Knattern von Maschinengewehren.

Nach ein paar Bildern von dort meinte Alexander (der Fahrer), dass er mir ein Haus zeigen wolle, das erst vor wenigen Tagen einen Treffer abbekam. Dort stiegen wir aus und als ich Fotos machte, kam ein älterer Herr vorbei, mit dem wir ein Gespräch begannen. Er selbst war bei der Sowjetarmee und so fachsimpelten Alexander (der Fahrer) und der Rentner über die eingesetzten Waffen, sowie den sichtbaren Treffer. Danach führte ich mit ihm ein kurzes Interview, das ich aufzeichnete (russisch):

Interview mit einem Rentner in Awdijiwka

Alexander (der Kaplan) brachte aus dem Auto ein paar Konserven, die er dem Rentner übergab. Dieser freute sich sehr, meinte aber, dass er das eigentlich nicht brauche. Letztlich nahm er es doch an und es war zu spüren, dass ihn das Geschenk sehr freute.

Wir stiegen wieder ins Auto und Alexander (der Kaplan) meinte, er wolle mir einen „Ort des Grauens“ zeigen. So fuhren wir wieder Richtung Stadtgrenze, aber dieses Mal hielten wir nicht an den neunstöckigen Häusern, sondern bogen Richtung Industriegebiet ab. Beschuss war weiterhin zu hören. Vor einer Einfahrt im sogenannten „alten Awdijiwka“ hielten wir an. Das war ein Tuberkulosekrankenhaus und machte einen sehr unangenehmen Eindruck. Die Anordnung der Baracken erinnerten mich irgendwie an ein Konzentrationslager und die gesamte Atmosphäre auf dem Gelände war wie in einem Horrorfilm.

Eine Passantin kam vorbei und wir fragten, ob das Krankenhaus in Betrieb sei. Sie meinte, dass sie es nicht wisse und wir einfach mal reingehen sollten, um selbst zu schauen. Und tatsächlich trafen wir drinnen auf eine Pflegerin, die uns ins Verwaltungszimmer schickte.

Dort saßen drei Damen, denen ich ein paar Fragen stellte. Ob das Krankenhaus noch in Betrieb sei, wurde bejaht. Es sei ein staatliches Krankenhaus, wobei die Patienten dort nicht übernachten, sondern nur ihre Behandlung oder Medikamente erhielten. Eigentlich sei alles normal, außer, wenn der Strom ausfällt. Auch die Löhne würden regelmäßig bezahlt, wobei die Abhebung an den Geldautomaten wieder vom Strom abhänge. Angst hätten sie hier nicht, aber der Beschuss solle endlich aufhören. Ihre Kinder gingen in der Nähe zur Schule und es wäre immer ein Nervenkrieg, wenn geschossen wird. Manchmal käme es auch vor, dass aufgrund des starken Beschusses die Schule ausfällt. Dann würden sie in ihren Kellern abwarten, bis es wieder besser wird. Weggehen wollten sie nicht, denn hier hätten sie ja ihre Arbeit. Anderswo wären sie auf Hilfe angewiesen. Also blieben sie.

Nach dem Gespräch gingen wir wieder zum Auto und fuhren tiefer ins Tal, in dem dieses „alte Awdijiwka“ liegt. Auf der anderen Seite ging es den Berg hoch und dort liegt das eigentliche Industriegebiet, von wo aus der Beschuss stammt.

Wir hielten allerdings an einem Haus, vor dem sich eine Babuschka mit einer zweiten unterhielt. Die beiden Alexander kannten sie, weil sie erst kürzlich hier waren. Das Donnern wurde hier stärker und die Druckwellen waren deutlich zu spüren. Die beiden Damen bekamen mehr und mehr Angst, weil erst kürzlich ein Geschoss vor ihrem Haus einschlug. Deshalb fing Alexander (der Fahrer) mit einer der Babuschkas zu beten an. Ich nahm die Szene auf Video auf und filmte dabei zufällig, wie ein Schrapnell über dem Industriegebiet explodierte.

Da der Beschuss immer stärker zunahm, entschieden die beiden Alexander, dieses Tal zu verlassen und zurück nach Pokrowsk zu fahren. Ich, für meinen Teil, hatte im Prinzip alles, was ich brauchte: Informationen, Bildmaterial und Interviews.

Auf der Rückfahrt waren wir alle sehr ruhig. Glücklicherweise passierte nichts und wir kamen heil aus der Stadt. Es hätte auch anders sein können, was uns aber wohl erst dann bewusst wurde, als wir auf dem Weg Richtung Pokrowsk waren.

Eine Nacht im Kinderheim (27./28.02.2017)

Eine Nacht im Kinderheim (27./28.02.2017)

Ein weiterer Grund meiner Reise nach Pokrowsk war das dortige Kinderheim. Von meinen letzten Besuchen im August und Oktober wusste ich, dass dort Möbel fehlen. Der Speisesaal hatte damals nur Tische, aber keine Stühle und in den Zimmern gab es Betten, aber keine Schränke. Ich wollte hierfür eigentlich Hilfe in Deutschland organisieren, doch da Alexej, der Heimleiter sehr aktiv ist und wenig Zeit hat, bekam ich nur schleppend Infos über den Bedarf. Ein persönliches Gespräch vor Ort erschien mir deshalb sinniger.

Als ich ankam und den Speisesaal sah, waren zwischenzeitlich Bürostühle vorhanden. Zwar nicht wirklich ideal, aber immerhin etwas. Die Stühle wurde von Soldaten gespendet. Und in einem Zimmer wurde eine Schrankwand eingebaut. Solche sollen nun nach und nach in den anderen Zimmern eingebaut werden, je nach finanziellen Möglichkeiten. Die Kosten belaufen sich auf mindestens 600 Euro pro Zimmer. Insgesamt gibt es noch 10 zu renovierende Zimmer. Außerdem wäre eine Videoüberwachungsanlage gut, für die zirka 1.500 Euro benötigt würden. Mit insgesamt zirka 7.000 Euro wäre hier sehr geholfen. Wirtschaften können sie mit der Summe selbst und den größtmöglichen Nutzen für das Heim daraus erzielen.

Die beiden Soldaten, die mit mir auf dem Zimmer waren, stellten sich als Mitglieder einer Spezialeinheit vor. Der eine sei Fahrer und überführte mit seinem Kollegen ein gepanzertes Militärfahrzeug aus dem Westen nach Marjinka. Als ich meinte, ich würde morgen nach Awdijiwka fahren, erzählten sie, dass auch in Marjinka geschossen würde. Auch Alexej, der Heimleiter, war kürzlich dort und berichtete von Beschuss. Hier muss ich hinzufügen, dass Pokrowsk nie unter „separatistischer Besatzung“ war und dort auch nicht geschossen wurde. Aber die Front ist nicht sehr weit entfernt.

Die beiden Soldaten wollten am nächsten Tag wieder zurück in die Westukraine, weil ihre Mission erledigt war. Sie brachen um 10 Uhr auf, während mein Tag um 9 Uhr begann.

Zuerst ging es zum Bahnhof, wo ich eine Fahrkarte für Mittwoch nach Kiew kaufte. Mir war bekannt, dass der Zug sehr früh ging, weil ich bereits das letzte Mal im Oktober die Strecke gefahren war. Immerhin gab es noch Plätze, denn die Strecke ist begehrt, wobei viele in Dnepropetrowsk (heißt heute Dnipro) zusteigen, um von dort bis nach Kiew zu fahren.

Nachdem die „technischen“ Angelegenheiten erledigt waren, fragte mich Alexander (der Fahrer, der auch im Kinderheim übernachtete), ob ich mit einem Freiwilligen in Pokrowsk ein Interview machen wolle, der seit Anfang des Kriegs Soldaten und Zivilisten unterstützt. Er kenne ihn deshalb, weil sie dort immer wieder ihren VW-Bus reparieren ließen. Meinerseits sprach nichts dagegen. Alexander rief ihn an und er machte aus, dass wir uns vor seinem Laden treffen, wo er Autoersatzteile verkauft.

Hier ist das Interview auf russisch unbearbeitet zum nachhören:

Interview in Pokrowsk (zirka 13 Minuten)

Nach dem Gespräch sprach ich mit Alexander, dem Fahrer. Er meinte, dass es viele junge Leute gibt, die so denken. In dieser Generation liege die Hoffnung. Danach fuhren wir nach Myrnohrad, um den anderen Alexander abzuholen und dann ging es nach Awdijiwka.

Wiedersehen von Freunden (27.02.2017)

Wiedersehen von Freunden (27.02.2017)

Am Montag ging es um kurz nach 7 Uhr los zum Busbahnhof. Die 80 Kilometer von Kramatorsk ins südliche Pokrowsk dauerten gute zwei Stunden. In Myrnohrad rief ich Alexander an, dass ich in zirka 15 Minuten da sein werde. Er antwortete, dass ich dort dann am Busbahnhof abgeholt werde.

Als ich ankam, war allerdings noch niemand da und so wartete ich noch ein paar Minuten, bis ich den VW T4 erkannte, mit dem ich bereits im Oktober und August unterwegs war. Ein Wunder, dass das Ding noch fährt, denn das Fahrzeug hat massive Probleme. Und eben deshalb wollte ich zu Alexander fahren, um darüber zu sprechen.

Im Auto saß auch ein Alexander, allerdings der Fahrer. Bei ihm waren zwei weitere Personen. Der andere Alexander, mit dem ich telefonierte, war nicht dabei. Es gab eine herzliche Begrüßung, denn schließlich hatten wir uns fast ein halbes Jahr nicht gesehen und nur ab und zu am Telefon gesprochen. Die beiden Mitfahrer wurden mir dann als Oberst vorgestellt, die Alexander (der Fahrer) chauffierte. Ihr Weg führte über Myrnohrad, wo der andere Alexander lebt und zu dem ich gebracht werden sollte.

Auch in Myrnohrad gab es einen herzlichen Empfang und Alexander brachte mich zu seiner Wohnung, wo er mit seiner Frau lebt. Als ich mich von Kiew aus ankündigte, fragte ich, ob ich irgendetwas besonderes mitbringen könne. Er meinte, seine Frau liebe die „Kiewer Torte“ und eine solche hatte ich am Freitag tatsächlich besorgt. Über dieses Geschenk freuten sie sich riesig.

Wir aßen zusammen zu Mittag und unterhielten uns. Ich erklärte ihm, dass ich eigentlich mehrere Anträge einreichte, um für meine Tätigkeiten Geld zu erhalten, aber dass davon kein einziger angenommen wurde. Eigentlich hätte mindestens einer klappen sollen. Bei mindestens zwei wäre Geld da gewesen, um ihm mit dem Fahrzeug zu helfen. Doch meine jetzige Reise hatte auch den Zweck, Material für Vorträge zu sammeln, um dabei nach Spenden für die Tätigkeit der Militärgeistlichen zu fragen. Deshalb wollte ich wissen, wie es um das Auto bestellt ist.

Wie ich wusste, war der VW mehrfach in der Werkstatt und gibt langsam den Geist auf. Alexander erklärte mir, dass das Fahrzeug formal bei der Armee registriert ist und von den beiden für ihre Fahrten im Kriegsgebiet genutzt wird. Sie kümmern sich dort seelsorgerisch um Soldaten und Bewohner. Selbst nach einem Ende des Kriegs ist diese Arbeit sehr wichtig, um den Frieden zu sichern. Dabei spielt die Konfession keine Rolle.

Die Sache ist nun so, dass die Armee jederzeit das Fahrzeug für eigene Bedürfnisse zurückziehen kann, doch durch die gute Zusammenarbeit mit dem Generalstab ist das derzeit unwahrscheinlich. Ein neues Fahrzeug könnte wieder bei der Armee registriert werden, wobei sich der Status nicht ändern würde – einschließlich der Gefahr, dass das Auto als Eigenbedarf deklariert werden könnte. Das könnte dann passieren, wenn sich zum Beispiel Änderungen in der Militärführung ergeben. Vorteil sei allerdings, dass sie mit einem Nummernschild des Militärs an den Checkpoints ungehindert vorbei können, was mit einem zivilen Nummernschild problematischer wäre. Nachteil des Militärnummernschilds ist dennoch, dass es ein potentielles Angriffsziel darstellt, weil ja niemand weiß, dass darin keine Waffen transportiert werden.

Eine Reparatur des jetzigen Fahrzeugs sei ein Fass ohne Boden. Es gibt Probleme mit dem Motor und wenn sie das Geld zusammen rechnen, das sie für bisherige Flickereien ausgegeben haben, könnte man wohl ein neues Auto kaufen.

Ich wies darauf hin, dass ein Fahrzeugkauf in Deutschland und die Überführung in die Ukraine auch Zollgebühren nach sich zieht. Deshalb wollte ich wissen, ob es nicht sinnvoller sei, in der Ukraine ein Auto zu besorgen. Dagegen spricht insofern nichts, wenn denn das Geld ausreichen würde, denn beim Kauf in der Ukraine sind diese Gebühren eben eingespeist.

Da ich auf meinen Reisen allerdings sehr viele Leute mit relativ teuren Autos traf, wunderte ich mich, wie sie sich diese leisten konnten. Hierzu meinte Alexander, dass es eben um Beziehungen ginge. Er selbst habe leider keine Bekannten, die im Autogeschäft tätig sind und ihm dabei helfen könnten. Weder bei einer Reparatur, noch bei einem Neukauf.

Letztlich ist aber gerade sowieso kein Geld da, um ihm konkret zu helfen. Ob es mit dem Spendensammeln klappt, steht noch offen und wenn ja, kann ich mich dann um diese Fragen kümmern. Die benötigten Informationen habe ich jetzt.

In unserem weiteren Gespräch erzählte er mir, wie es Anfangs in Myrnohrad war. Die Stadt war nie unter Kontrolle der Separatisten, doch es gab während und nach dem Maidan sehr wohl Bestrebungen, sich der „Donezker Volksrepublik“ anzuschließen. Allerdings waren die Ukraine-Befürworter stärker und konnten die Abspaltungsversuche vermeiden.

Mich interessierte dann auch die Kirchenfrage, worauf er mir berichtete, dass im Donbass die russisch-orthodoxe Kirche sehr stark sei und auch die Separatistenbewegung unterstützte. Die ukrainisch-orthodoxe Kirche wäre nicht weit verbreitet und selbst aus der Westukraine seien die Besucher etwas hochnäsig. Das deshalb, weil sie in ihrer Heimat als Autorität angesehen würden und im Donbass eben auf ein gänzlich anderes Klientel stießen.

Eigentlich wollten wir gegen Mittag zum Bürgermeister von Pokrowsk, doch klappte es dann doch nicht. Allerdings fuhren wir trotzdem mit einem Taxi in die Nachbarstadt, um mich im Kinderheim unterzubringen, wo ich bereits das letzte Mal im Oktober war. Dort lernte ich Alexander ursprünglich im Mai kennen, als ich mit Ralf Haska erstmals im Donbass war.

Entsprechend war es mein vierter Besuch im Kinderheim, wo man mich bereits kannte und sich sehr freute, dass ich wieder kam. Dort wurde ich in einem Fünfbettzimmer zusammen mit zwei Armeeangehörigen untergebracht, die am nächsten Tag zurück in die Westukraine wollten und für eine Nacht blieben. Meine Abreise war für Mittwoch Morgen geplant und Dienstag sollte es nach Awdijiwka gehen, weil mich jemand in Deutschland darum bat, ein paar Stimmen über die dortige Situation einzufangen.

Blockade in Bachmut (26.02.2017)

Blockade in Bachmut (26.02.2017)

Morgens um 11 Uhr machte ich mich auf den Weg zum Busbahnhof, um von dort eine „Marschrutka“ („Marschrut“ bedeutet soviel wie Reiseweg und die Endung „ka“ dasjenige, das diesen Weg zurücklegt) nach Bachmut zu nehmen. Beim Hinweg fuhr ich die Südstrecke über Kostjantyniwka. Für die 60 Kilometer brauchte der Bus fast zwei Stunden, was nicht nur den Zwischenstopps geschuldet war, sondern vielmehr den Straßenverhältnissen.

Kurz vor Bachmut wurden die Passagiere an einem Checkpoint von einem ukrainischen Soldaten kontrolliert. Er trug eine Sturmmaske und Kalaschnikow. Mein ATO-Presseausweis interessierte nicht, sondern nur mein deutscher Reisepass. Probleme gab es keine. Aber diese Szene brachte mir ins Bewusstsein, wo ich mich eigentlich befand. In Kramatorsk sah ich nämlich kaum Soldaten, anders als in Bachmut am dortigen Busbahnhof.

Da ich dort absolut keine Ahnung hatte, wie ich zur Blockade komme, fragte ich erst einen Soldaten, der sich einen Kaffee kaufte. Aber er meinte, er sei nicht aus der Stadt und wisse nicht, wo die Blockade wäre. Da sah ich einen alten Lada, der auf dem Dach ein Taxi-Zeichen hatte und fragte, wem der gehöre. Der Fahrer gab sich zu erkennen und meinte, er wisse wo die Blockade sei. Dafür wollte er (für dortige Verhältnisse) stolze 40 Hryvna (Kurs 29 Hryvna/Euro). Stolz deshalb, weil er das Geld vor der Abfahrt kassierte und dann keine 5 Minuten zu einem Bahnübergang fuhr. In Kramatorsk fuhr ich auch Taxi – in einem „besseren“ Auto und eine weitaus längere Strecke, was dort 20 Hryvna kostete.

Die Blockade war leicht zu erkennen: viele Ukrainefahnen, ein paar vom „Rechten Sektor“ und auf dem Bahnübergang standen ein paar „Bären“ in Flecktarn. Die fragte ich, wer mir mehr Auskunft über Sinn und Zweck der Blockade geben könne. Sie verwiesen mich auf das Zelt, das neben den Gleisen aufgeschlagen war und riefen den „Kommandeur“ der Blockade. Er kam heraus und wir unterhielten uns.

Er war beim Freiwilligenbataillon „Donbass“, inzwischen demobilisiert, und erzählte, dass sie hier den Güterverkehr blockieren. Erst war es eine Gleisblockade, doch jetzt sind drei Zugstrecken und zwei Straßen geschlossen. Vor ein paar Tagen wurde die fünfte Blockade bei Mariupol errichtet. Anfangs wollten sie darauf aufmerksam machen, dass immer noch knapp tausend Kameraden bei den Separatisten in Gefangenschaft sitzen. In letzter Zeit verlief der Austausch sehr schleppend. Aber je länger sie weg sind, desto ernstere Folgen habe es für sie. Beim letzten Satz machte er mit seinem Zeigefinger eine Kreisbewegung am Kopf, um zu verdeutlichen, dass sie psychisch durchdrehen.

Just in dem Moment bimmelte es am Bahnübergang und die Schranken gingen herunter. Eine Elektritschka (ein Vorortzug) fuhr langsam vorbei (Video). Der „Kammandeur“ meinte, dass sie nur den Gütertransport blockieren; der Personenverkehr kann ungehindert passieren. Hier fahre nämlich eine Elektritschka in die umliegenden Dörfer und Städte.

Ein Mann kam hinzu, der sich als Sportlehrer aus Sumy vorstellte. Er sei extra für ein paar Tage angereist, um die Blockade hier aufrecht zu halten. Sie wechselten sich zu diesem Zweck ab und organisierten das per Telefon, damit insgesamt immer zirka 15 Personen an der Blockade präsent sind.

Ob sie Sorge hätten, dass es eine gewaltsame Räumung geben könnte? Das sollten sie erst einmal versuchen, dann würden sie sich nämlich wehren. Die lokale Polizei und hier stationierte Soldaten würden sie unterstützen. Selbst der SBU (Sicherheitsdienst der Ukraine) habe ein ganzes Hotel in Bachmut in Beschlag genommen, würden aber von dort nur beobachten. Die Lokalbewohner brächten Essen vorbei und luden sie zu sich nach Hause ein, um sich dort zu waschen.

Gerade wären auch Journalisten aus den USA im Zelt, die sich für ihre Ziele interessierten. Insgesamt wären ausländische Journalisten die ersten gewesen, die zur Blockade kamen. Die Ukrainer interessierte das Anfangs nicht.

Ich wurde zur „Wärmestelle“ gebeten – eine Blechtonne draußen, in der Holz brannte. Das kannte ich vom Maidan. Dort saß eine Frau und ein Mann kam dazu, der das Abzeichen des „Rechten Sektors“ am Arm trug. Er meinte, dass diese Blockade von Patrioten errichtet wurde, weil sie es satt hätten, dass sich manche am Krieg und dieser künstlichen Grenze bereichern. Damit würden die eigenen Sanktionsforderungen unterlaufen. Schlimmer noch, hier würden auch Dynamit und Zünder ins Separatistengebiet geliefert, was dort für den Bergbau genutzt wird. Aber wer könne schon sagen, ob sie das nicht auch für Waffen einsetzen. Der ganze Wirtschaftsverkehr sei ein Handel mit Blut!

Der „Kommandeur“ setzte sich dazu und meinte, dass Achmetow (ein bekannter Oligarch aus dem Donbass) an dem Krieg verdiene und Poroschenko (dem amtierenden Präsidenten) einen Teil davon abtrete. Entsprechend kämen auch deren Gegner zur Blockade, wie Saakaschwili (von Poroschenko in Odessa als Gebietsgouverneur eingesetzt, der aber zurücktrat), Sementschenko (ein bekannter Offizier, der für die Partei “ Samopomoschtsch“ im Parlament sitzt) und andere Politiker. Manche ließen sich nur an der Blockade fotografieren, aber würden sich nicht dafür interessieren, was dahinter steckt. Andere warnten vor den Folgen, denn mit der Blockade seien auch Arbeitsplätze in der Region auf beiden Seiten der Front gefährdet, sowie die Wärme- und Stromversorgung aufgrund der fehlenden Kohle.

Doch die Leute an der Blockade ließen sich durch diese Argumente nicht einschüchtern, denn schließlich würden jeden Tag Soldaten in diesem Krieg sterben, was man nicht mit zerstörten Arbeitsplätzen, und schon gar nicht mit ein bisschen fehlender Wärmeversorgung aufwiegen könne.

Nach über einer Stunde war ich etwas durchgefroren und wollte langsam wieder zurück. Ich machte ein paar Fotos und ging zu Fuß zum Busbahnhof. Dort angekommen, setzte ich mich nach dem Kauf einer Fahrkarte in die warme Wartehalle, wo mehrere Soldaten mit Kalaschnikows patrouillierten.

Diesmal fuhr ich die Nordstrecke über Slowjansk, wobei die Marschrutka auch an der Brücke am Ortseingang vorbei kam, die wir vor fast einem Jahr noch über eine Pontonbrücke umfahren mussten. Letzten Oktober wurde dort allerdings gebaut und jetzt sah ich, dass die Brücke wieder in Betrieb ist.

Diese Strecke war von den Straßenverhältnissen her etwas besser, so dass ich nach eineinhalb Stunden wieder in Kramatorsk war, als die Dämmerung begann. Für den nächsten Tag hatte ich eine Fahrkarte nach Pokrowsk. Die Reise sollte um 8 Uhr morgens losgehen.

Zur Blockade möchte ich sagen, dass beide Parteien – die Befürworter und Gegner – gute Argumente haben. Sieht man allerdings etwas genauer hin, wer hinter den Befürwortern und Gegnern steckt, kommt der Verdacht auf, dass es ihnen nicht um die vorgebrachten allgemeinen Argumente geht, sondern um persönliche Interessen. Der bittere Beigeschmack ist, dass sie dafür Leute instrumentalisieren, die damit nur Spielfiguren von Machenschaften werden.

UNDP in Kramatorsk (26.02.2017)

UNDP in Kramatorsk (26.02.2017)

Kramatorsk liegt nur ein paar Kilometer südlich von Slowjansk, wo im Frühjahr 2014 bekanntlich der Krieg begann. Auch Kramatorsk war „besetzt“, wurde dann aber zusammen mit Slowjansk wieder „befreit“. Das allerdings ohne massive Schäden, wie es in Slowjansk der Fall war. Heute befinden sich in Kramatorsk mehrere Außenstellen großer Organisationen, wie zum Beispiel von der UNO, von der OSZE, oder von der ATO-Pressestelle. Die Lage ist für diese Organisationen deshalb interessant, weil sich Kramatorsk mit dem Zug von Kiew gut erreichen lässt (ca. 6 Stunden Fahrt mit einem Intercity oder länger mit einem regulären Nachtzug) und weil sich die Stadt unweit beider Oblaste (Luhansk und Donezk) befindet.

Die Freundin, die ich dort habe, fing im vergangenen Sommer beim UNDP, dem UN-Entwicklungsprogramm, zu arbeiten an. Wir kennen uns seit gut 10 Jahren vom Stammtisch und waren seither immer wieder in Kontakt. Sie studierte erst Fremdsprachen (darunter Deutsch), dann Friedens- und Konfliktforschung in Deutschland, war danach eine Weile am Hauptsitz der OSZE in Wien, dann in Brüssel bei der EU, und jetzt eben beim UNDP. Durch Erzählungen über ihre Erfahrungen bekam ich ein bisschen einen Einblick in die Arbeit dieser großen, internationalen Organisationen. Was sie gemeinsam haben: einen riesigen Berg an Bürokratismus, der Vor- und Nachteile hat.

Zur Arbeit des UNDP in Kramatorsk möchte ich nur ein bisschen etwas sagen, denn vieles ist noch im Prozess. Die Entwicklungsprogramme für die Region sehen vor allem wirtschaftliche Entwicklung vor, da ein Grundsatz der Konfliktvermeidung lautet, dass wenn es Menschen (egal wo) wirtschaftlich gut geht, sie weniger zu Konflikten neigen. Allerdings richten sich diese Programme kaum auf die Grauzone, weil es Unsinn wäre, dort etwas aufzubauen, das innerhalb kürzester Zeit wieder zerstört werden könnte. Die Grauzone ist der 15 Kilometer breite Bereich um die Kontaktlinie (die eigentliche Front).

In unseren Gesprächen kam immer wieder das Problem der Verantwortung vor, denn aus der Zeit des Kommunismus sind alle für alles verantwortlich, wobei „ich“ nicht alle bin. Man interessierte sich wenig um allgemeine Belange, sondern hauptsächlich nur um den eigenen Bereich. Ich möchte nicht sagen, dass es in anderen Staaten ohne „kommunistische Erfahrung“ so etwas nicht gibt, doch nach meinem Eindruck ist diese „Mentalität“ nicht so stark ausgeprägt. Selbst in der Ukraine unterscheidet sich dieses „Phänomen“ von Region zu Region. Dabei ist es im Donbass relativ stark. Die Menschen müssen dort erst lernen, dass sie selbst die Verantwortung über die gemeinschaftlichen Angelegenheiten ihrer Region tragen. Der bisherige Mangel macht auch die Dezentralisierung so schwierig, war mitunter Ursache des „Separatismus“ und hängt auch mit einer Art „Zar-Mentalität“ (dem Glauben an einen starken Führer, wie es sie im Donbass in Form von Oligarchen gab/gibt) zusammen. Eine weitere Auswirkung ist die Scheu vor dem Risiko, ein eigenes Kleinunternehmen zu gründen.

Bei all diesen Punkten setzt das UNDP also an, indem Schulungen organisiert werden, wie sich die Bürger in die Lokalpolitik einbringen und wie die Lokalpolitiker die Bürger besser einbeziehen können. Es gibt auch indirekte Wirtschaftshilfen, was heißt, dass die Geldgeber über Mittler den Aufbau der Lokalwirtschaft fördern.

Eigentlich geht es hauptsächlich darum, Eigenentwicklung zu ermöglichen und zu fördern. Kurz: „Hilfe zur Selbsthilfe“, bzw. das bekannte Fischbeispiel: „Gebe einem Bedürftigen keinen Fisch, sondern lehre ihn das Fischen.“

Zugfahrt nach Slowjansk (25.02.2017)

Zugfahrt nach Slowjansk (25.02.2017)

Morgens um kurz nach halb sechs ging es am Samstag mit dem Taxi zum Bahnhof, weil so früh noch keine Metro fährt. Ich hatte wenig Gepäck dabei, weil ich am Mittwoch schon wieder zurück wollte, da in Kiew eine Ausstellung über das umkämpfte Industriegebiet in Awdijiwka angekündigt war.

Im Zug saß ich am Fenster und schaute mir die vorbeirauschende Gegend an. Eine ältere Dame setzte sich neben mich und las in einem Buch. Eigentlich hatte ich eine Fahrkarte bis Kramatorsk, doch da ich Freiwillige in Slowjansk treffen konnte, entschied ich, eine Haltestelle früher auszusteigen. Knapp eine Stunde vor meinem Ziel, nach gut fünf Stunden Fahrt, sprach ich die Dame neben mir an, die ihr Buch beiseite gelegt hatte. Ich fragte sie, wohin denn ihre Reise ginge.

Sie meinte, nach Kostjantyniwka, die Endstation des Zugs. Aber von dort dann weiter bis nach Donezk, wo sie bei ihrem Sohn lebt. Sie war ihre Tochter und Enkelin in Kiew besuchen. Eigentlich hatte sie ein Häuschen in der Nähe des Donezker Flughafens, doch das sei zerbombt worden. Als es absehbar war, dass es in ihrem Zuhause zu gefährlich würde, zog sie in die Stadt.

Ich meinte, dass ich Journalist aus Deutschland wäre und mich es brennend interessiert, was in den „Volksrepubliken“ vor sich geht, da kaum Informationen von dort nach Außen dringen. Und so berichtete sie freimütig, dass es in der Stadt eigentlich nicht viel anders wäre als zum Beispiel in Kiew. Mehr und mehr Menschen würden zurückkehren, was sich auch im Straßenbild mit vielen Autos zeige. Beschuss höre man zwar im Zentrum, doch dieser stamme aus den Randgebieten und in der Stadt sei es ungefährlich.

Was sie am meisten störe, sei, dass sie über diese „künstliche“ Grenze müsse, was sehr viel Zeit in Anspruch nimmt und je später es wird, auch geschossen werden könne. Ich wollte wissen, ob sie deshalb Angst habe, was sie verneinte. Sie sei schließlich schon alt, aber sie mache sich um ihre Kinder Sorgen. Schade finde sie, dass ihr Sohn nicht ausreisen könne, weil er im wehrfähigen Alter sei und es deshalb Probleme gäbe.

Insgesamt sei das Leben in Donezk normal. Man habe keine Einschränkungen und könne alles kaufen. Die Währung sei hauptsächlich Rubel, wobei auch Hryvna genommen würden. Die Banken funktionieren und sie erhalte ihre Rente pünktlich.

Auf ihre Ausweisdokumente angesprochen, meinte sie, dass sie einen ukrainischen Pass habe. Nur wenn sie diesen verliere, bekäme sie wohl keinen neuen, da sie in Donezk registriert sei und man dort keine neuen Dokumente ausstelle.

Was sie sich wünsche? Dass der Beschuss aufhört und man leichter über die Kontaktlinie kommt. Ob Donezk unter der Kontrolle der Ukraine oder der Separatisten sei, wäre ihr egal. Hauptsache Ruhe.

In Slowjansk angekommen, wünschte ich ihr eine gute Weiterfahrt und dass es nicht so lange an der „Grenze“ dauert und vor allem, dass ihr nichts passiert.

Vor dem Bahnhof traf ich dann die Freiwilligen, mit denen ich in ein Cafe fuhr und zum Mittagessen eingeladen wurde. Eigentlich wollte ich mit ihnen zur Blockade nach Bachmut fahren, doch das Wetter war fürchterlich, weshalb sie nicht hin wollten. So sprachen wir beim Mittagessen, was sie eigentlich machen.

Sie stammten nicht direkt aus Slowjansk, sondern aus der Umgebung. Während des Maidans kümmerten sie sich nicht darum, was im Land vor sich ging. Doch als Slowjansk von den Separatisten besetzt war und sie im 8. Stockwerk ihres Hauses nicht bei Beschuss in den Schutzkeller konnten, weil der Fahrstuhl ausfiel und die Frau eine Gehbehinderung hat, entschieden sie sich, Position zu beziehen: für die Ukraine.

Und so kam es, dass sie dem Freiwilligenbataillon „Donbass“ mit Nahrungsmitteln und Kleidung aushalfen. Zwar seien die Freiwilligenbataillons inzwischen in die Nationalgarde integriert, aber die Kontakte blieben weiter bestehen. Deshalb helfen sie auch weiterhin und unterstützen die Blockaden, wo sie immer wieder hinfahren.

Als ich fragte, ob ihre Tätigkeit manchmal gefährlich gewesen sei, meinten sie, aber sicher! So wurden zum Beispiel Zivilisten gezielt an Checkpoints von den Separatisten beschossen, damit sie aufhören, die Ukrainer an diesen Checkpoints zu versorgen. Sie selbst waren zwar nicht davon betroffen, doch hörten sie davon.

Auf die Blockade angesprochen, wurde mir erklärt, dass die Handelsbeziehungen zwischen den „Volksrepubliken“ und der Ukraine eine Schweinerei sei. Die Ukraine liefere ihrem Feind auch noch Unterstützung und Geld, weshalb die Blockade dringend notwendig wäre. Und so langsam zeige sich auch, dass es gewissen Leuten in Kiew empfindlich weh tue, dass ihre Geschäfte gestört würden. Doch wollten auch Politiker auf den Blockadezug aufspringen und mit ihrer populistischen Unterstützung punkten. Eigentlich kam kein Politiker gut davon, da das Misstrauen sehr groß ist.

Nach gut einer Stunde fuhren sie mich dann nach Kramatorsk, wo ich mich mit einer Freundin verabredet hatte, die ich seit gut 10 Jahren kenne und die dort für das UN-Entwicklungsprogramm arbeitet. Bereits im Oktober traf ich mich mit ihr und lernte einiges über diese Arbeit kennen. Mehr dazu im nächsten Bericht.