Konspirative Treffen (21.02.2017)

Konspirative Treffen (21.02.2017)

Eigentlich fing alles ganz harmlos an. Die letzten Tage hatte ich immer wieder über die Blockade in der Ostukraine übersetzt und las auch sehr interessante Artikel in deutschen Medien (in der FAZ von Konrad Schuller, im Ukrainer Forum ebenfalls aus der FAZ von Konrad Schuller, und im Deutschlandfunk). Bei YouTube sah ich ein Video von Michail Saakaschwili, der vor Ort war. Deshalb wollte ich herausfinden, wie ein Journalist eigentlich zu den Blockaden in der Ostukraine kommt. Dazu fragte ich ein paar Freunde, die Kontakt zu ATOschniks haben. Gestern bekam ich dann eine Handynummer, wo ich heute anrufen sollte. Doch statt mir die Frage einfach zu beantworten, bekam ich eine Einladung, mich mit der Person zu treffen.

Da ich sowieso in die Stadt musste, um endlich die fertige Aufenthaltsgenehmigung mit der Registrierung abzuholen, verabredeten wir uns zur Mittagszeit. Mein Termin ging flotter als erwartet und als ich ihn nochmals anrief, wurde mir der Treffpunkt mitgeteilt, allerdings erst in einer Stunde. Das war zu Fuß ein gutes Stück zu laufen, aber mir war trotz Schneeregen danach. Dort angekommen, sollte ich mich in ein Cafe setzen und auf ihn warten.

Es vergingen zirka 45 Minuten, bis er endlich kam. Wir stellten uns vor und er erzählte, dass er selbst in der ATO kämpfte. Er meinte, dass bald noch jemand kommt, mit dem ich über die Blockade sprechen könnte. Das sei ein Berater von Awakow (Innenminister) und könne mir viel über die Blockade berichten. Währendessen zeigte er mir Bilder seines Einsatzes, sowie Videos. Dort war die vorderste Front zu sehen – auf der einen Flussseite die ukrainische Flagge, auf der anderen eine Flagge von Russland und die der „LNR“. Dann kam, wie ein ukrainischer Scharfschütze (vor Minsk-II) das Feuer auf den Gegner auf der anderen Flussseite eröffnete. Wie nebenbei meinte meine Kontaktperson, dass der Scharfschütze nicht mehr am Leben sei, als ob es das normalste der Welt wäre, wenn Menschen im Krieg sterben.

Nach zirka einer halben Stunde kam dann der angekündigte Berater. Eine angenehme Person, die mir bereitwillig berichtete und auf meine Fragen einging. Er wollte von mir wissen, ob ich mit seinem ukrainisch klar komme, was ich mit „trochi“ (ein bisschen) beantwortete. Problemlos stellte er auf russisch um. Vieles deckte sich mit dem, was ich bereits in meinen Übersetzungen und den Artikeln erfahren hatte, wobei ich den Eindruck bekam, es handle sich eben weitgehendst um die Position der Regierung.

Dann kam noch jemand, den nur der Berater kannte. Er war gerade in Kiew auf Fronturlaub und meine Kontaktperson und er unterhielten sich, als ob sie sich schon seit Ewigkeiten kennen. Für einen Außenstehenden wie mich war manches nicht nachvollziehbar und als ich fragte, ob sie sich schon länger kennen, meinten sie, nein, sie träfen sich heute zum ersten Mal, aber die ATO-Erfahrung verbinde eben.

Auf meine Frage, ob sie denken, dass ihr Feind Russen waren, lachten sie. Sicher kämpften auf der anderen Seite Russen, schließlich hatten sie selbst welche gefangen genommen, die dann später „eingetauscht“ wurden. Allerdings gäbe es auch viele Drogenabhängige und Obdachlose, denen man Waffen in die Hand drückte. Selbst für die Bedienung der Militärtechnik meinten sie, gäbe es auch „Einheimische“, die im Afghanistankrieg waren oder Militärdienst leisteten. Die Russen würden eher hinter diesem Kanonenfutter stehen.

Nach gut einer Stunde musste der Berater aufbrechen und meine Kontaktperson meinte, er bringe mich mit seinem Auto zur nächsten Metro-Station. Im Fahrzeug sprachen wir weiter. Er selbst stammte eigentlich aus Armenien. Er meinte, er habe bereits als Kind den dortigen Krieg miterlebt. Dann später, als er nach Georgien flüchtete, sah er wieder den Krieg um Abchasien. Und jetzt, hier in der Ukraine, wieder Krieg… Als ob ihn die Kampfhandlungen verfolgten. Dabei sagte er, dass Krieg schmutzig und blutig ist, und nichts heldenhaftes an sich hat. Die ATOschniki verstehen sich untereinander deshalb, weil sie ähnliche Erfahrungen haben.

Er meinte, dass wir uns am Abend noch einmal treffen können. Dann hätte ich die Möglichkeit, mit jemandem zu sprechen, der den Polizeichef berät. Mir drehte sich zwar schon wegen des Treffens vom Mittag der Kopf, aber bis Abend dachte ich, würde ich das verarbeitet haben. Also sagte ich zu, auch, um nicht unhöflich zu sein. Mir schien nämlich, dass sie alle ein Mitteilungsbedürfnis hatten, weil sie nur untereinander über all diese Dinge sprechen.

So fuhr ich nach Hause, um etwas zu essen und machte mich alsbald wieder auf den Weg zu einem anderen Cafe. Ich wartete draußen, weil ich etwas zu früh kam. Dann klingelte mein Handy und meine Kontaktperson meinte, ich solle in das Cafe gehen, wo der Berater bereits säße; er selbst verspäte sich.

Drinnen erkannte mich der Berater und wir begrüßten uns. Auch er erklärte mir sehr bereitwillig, was es mit den Blockaden genauer auf sich habe. Diesmal aber weit neben einer regierungsfreundlichen Darstellung, was die Möglichkeit eröffnete, den Sachverhalt globaler zu diskutieren. Dabei kam auch die Situation in der EU zur Sprache und dass die Ukraine eigentlich nichts erwarten solle, sondern selbst mit ihren Problemen klarkommen müsse. Die EU habe mit sich selbst zu kämpfen, was unter anderem Russland ausnutze.

Wir sprachen gut zwei Stunden, bis der Berater aufbrechen musste. Und so lösten wir unser Treffen auf. Zum Abschied fragte ich dann noch meine Kontaktperson, ob er eigentlich mit dem zivilen Leben klar komme oder ob er „Probleme“ merke. Sehr offen gab er zu, dass es schwierig sei. Er habe zwei kleine Kinder und mache sich Sorgen. Wer behaupte, er habe im Krieg an der Front keine Angst, der lüge. Auffällig für mich war, dass er meinte, ihm mache es nichts aus, Menschen getötet zu haben. Daran hätten andere stärker zu knabbern.

Statt direkt mit der Metro wieder nach Hause zu fahren, ging ich die Institutskaja bei Nacht hinunter, über den Maidan bis zu einer mir passenden Metrostation. Bei dem Spaziergang versuchte ich die Informationen zu verarbeiten, die mir über den Tag verteilt gegeben wurden. Dabei stellte ich fest, dass ich eigentlich nicht erfahren hatte, wie ein Journalist zu den Blockaden kommt. Dafür erhielt ich zwei Meinungsbilder über die Blockaden und die Situation im Land, die ich in solchen Kreisen nicht vermutet hätte. Außerdem gaben mir die Treffen auch einen Einblick in das Leben der ATOschniks.

Gedenken an die Toten der Revolution (19.02.2017)

Gedenken an die Toten der Revolution (19.02.2017)

Vergangenen Freitag war ich in der Stadt, um die Aufenthaltsgenehmigung abzuschließen: die Anmeldung. Als ich die Rolltreppen der Metro hinunterfuhr, fielen mir Polizisten auf. Sie folgten mir und irgendwie fühlte ich mich beobachtet, was nach den Erfahrungen mit dem Maidan vor drei Jahren immer noch ungute Emotionen auslöst. Doch sie wollten nichts von mir, was ich irgendwie gut fand.

Die Prozedur für die Anmeldung erwies sich fast als Katastrophe. Nachdem man vom „Migrationsdienst“ (früher OVIR) das Dokument bekommt, hat man 10 Tage Zeit, um sich zu registrieren. Freitag war der letzte mögliche Termin innerhalb dieser Frist. Bei der „Anmeldestelle“ (früher ZhEK) wartete mein Vermieter mit mir fast eine Stunde und als wir endlich dran waren, fiel das Computersystem aus. Wir erklärten die Dringlichkeit und es wurde uns gewährt, ein Formular von Hand auszufüllen. Als mein Vermieter die letzten Daten eintrug, funktionierte das System dann doch wieder. Er soll eine SMS bekommen, wann wir das Dokument mit dem benötigten Stempel abholen können. Voraussichtlich heute, am Montag.

Nach dem Termin ging ich auf den Maidan, um dort zu schauen, ob und was für den dritten Jahrestag der „Revolution der Würde“ aufgebaut wird. Am 18. Februar 2014 begannen die drei „blutigen Tage“ der Revolution, an deren Höhepunkt viele Menschen durch Scharfschützen erschossen wurden. Bereits in den vergangenen zwei Jahren gab es deshalb Gedenkveranstaltungen, wobei der 18. Februar 2015 mit der Niederlage in Debalzewe (siehe bei Wikipedia) ein weiterer Grund ist, sich an die Toten des Krieges zu erinnern.

Auf dem Maidan ging ich die Institutskaja hoch, zu der Stelle, wo die meisten Demonstranten am 20. Februar 2014 erschossen wurden. Ich mag diesen Ort nicht sonderlich, denn kurz vor diesen Ereignissen war eine gute Freundin mit mir im Februar 2014 dort, um den Leuten, die an den Barrikaden Wache schoben, etwas zu essen zu bringen. Auf dem Maidan selbst wurde genug ausgeteilt, aber es war eher selten, dass jemand zu dieser Barrikade ging.

Mein Spaziergang führte mich auf das Dach des Globus, einem Einkaufszentrum in der Stadtmitte, von wo aus man einen guten Überblick auf den Maidan hat. Allerdings standen dort bewaffnete Soldaten, die mich nicht an eine Schautafel ließen. Was genau sie dort machten, konnte ich nicht erkennen und mir war auch nicht danach, zu fragen.

Als ich wieder zu Hause war, veröffentlichte ich wie eigentlich immer die gemachten Bilder bei Facebook.

Am Samstag hatte ich anderes zu tun und wollte nicht bei dem Regenwetter in die Stadt. Es schien, als ob die „Himmlische Hundertschaft“, wie die Toten in der Ukraine genannt werden, die an diesen Tagen ums Leben kamen, darüber weinten, was die neuen Machthaber in dem Land anrichteten. Obwohl die meisten Demonstranten im Winter 2013/2014 davon ausgingen, dass die anstehenden Änderungen länger dauern und die Situation hart werden würde, sollte diese Revolution nach ihrer Meinung den Grundstein für den Aufbau eines wirklichen Rechtsstaats legen. Weg von korrupten und sich bereichernden Beamten, hin zu einem Land, in dem Rechtshoheit herrscht, statt Finanzstärke. Das scheint aber im Ansatz immer noch nicht zu funktionieren.

Gestern, am Sonntag, regnete es morgens immer noch, doch klärte es sich gegen Mittag auf. Bei Sonnenschein machte ich mich wieder auf den Weg zum Maidan. Ich ging über den Platz bei der Sophienkathedrale am Außenministerium vorbei und stieß am Eingang zum Maidan auf eine Absperrung. Diese konnte man durch einen Metalldetektor passieren, um den unzählige Polizisten standen. Zur Zeit der Revolution gab es dort zwar Barrikaden und Leute, die schauten, wer auf den Platz kam, aber keine Metallzäune und vor allem keine Polizei.

Auf dem Platz selbst waren gegen 14 Uhr nicht sehr viele Menschen. Sie schlenderten durch die haushohen Abbildung von ATO-Soldaten, die über den Platz verteilt standen. An der Säule, wo die Revolution eigentlich im November 2013 begann, stand eine größere Menschenmenge und es gab eine Kundgebung. Wie sich herausstellte, waren das Mitglieder der OUN (Organisation ukrainischer Nationalisten), die sich für ihre Blockade der Eisenbahnlinien in und aus den besetzten Gebieten im Donbass rechtfertigten. Vielleicht war deren Präsenz der Grund für die auffallend vielen Sicherheitskräften, die sich in Grüppchen über den Platz verteilten.

Mein Spaziergang führte mich die Institutskaja hoch, in Richtung Parlament. Wieder musste ich Absperrungen mit Metalldetektoren passieren. An der Kreuzung zur Präsidentenverwaltung stand eine Mauer aus Soldaten, sowie am Eingang zur Nationalbank. Am Parlament selbst, wo sich der „Anti-Maidan“ während der Revolution im Marinskij Park einquartierte, waren eigentlich kaum Zivilisten. Allerdings waren mehrere Mannschaftswagen und Polizeihundertschaften zu sehen. Ich ging zur St. Katarina Kirche, die auf der anderen Seite des Eingangs zur Präsidentenverwaltung liegt. Dort stand ebenfalls wieder eine Mauer aus Soldaten. Vor der Kirche parkten viele Mannschaftswagen, wobei mir kaum Sicherheitskräfte auf meinem Gang Richtung Rathaus begegneten.

Ich spazierte noch einmal über den Maidan, wo sich gegen 15 Uhr doch mehr Zivilisten befanden. Am Ukrainischen Haus sah ich, wie sich Leute stritten und die Polizei eingriff. Die gesamte Atmosphäre in der Stadt erlebte ich trotz des Polizeiaufgebots insgesamt zwar als friedlich, aber es war gleichzeitig eine gewisse Spannung zu spüren. Das führte ich allerdings eher auf den Zeitpunkt zurück, weil ich an anderen Tagen nicht dieses Gefühl in der Stadt hatte.

Danach entschied ich mich, wieder nach Hause zu fahren. Wieder veröffentliche ich bei Facebook die entstandenen Fotos meines Ausflugs. Und gegen Abend sah ich dann Meldungen, dass es „Probleme“ bei den Eingängen zur Präsidialverwaltung geben würde. Ein Livestream von vor Ort zeigte, dass Demonstranten direkt vor die Verwaltung wollten (obwohl sich Präsident Poroschenko derzeit bei der Münchner Sicherheitskonferenz befindet). Die Leute wurden (natürlich) nicht durchgelassen, was zu Rangeleien führte. Später entschieden sie wohl, auf den Maidan zu gehen, wo sie aber durch die Sicherheitskräfte auch nicht durchgelassen wurden. Gegen 22 Uhr war der Spuk dann wieder vorbei.

Friedhof der Kuscheltiere (27.01.2017)

Friedhof der Kuscheltiere (27.01.2017)

Auf dem Weg zur Migrationsbehörde (früher OVIR genannt), wo man sich nach Erhalt des Visums innerhalb der Frist, für die das Visum ausgestellt wurde (45 Tage), eine temporäre Aufenthaltsgenehmigung für ein Jahr beantragen muss, gibt es einen Friedhof für Hunde und Katzen. Dieser Friedhof liegt entlang der Bahngleise und einer Straße, wo eine Haltestelle ist.

Im Gebäude der Migrationsbehörde war ich bereits im August 2016, um für einen deutschen Journalisten und seinen Fotographen die Einreisegenehmigung auf die Krim zu beantragen. Diese war (und ist) notwendig, um nicht Gefahr zu laufen, von der Ukraine eine Einreisesperre wegen unerlaubten Grenzübertritts zu erhalten. Die Krim gehört zwar völkerrechtlich immer noch zur Ukraine, ist aber faktisch von Russland annektiert, wodurch eine Grenze entstand.

Nun, zurück zu meinem Fall: bereits am Montag war ich bei dieser Behörde, deren Öffnungszeiten leider nicht im Internet ausfindig zu machen waren. Und so erfuhr ich, dass ich am nächsten Tag wieder kommen durfte. Also war ich am Dienstag noch einmal dort, wobei mir erklärt wurde, dass ein notwendiges Dokument nicht dem entspricht, wie sie es wollten. Da ich aber auch anderes zu tun hatte, als dieses Dokument zu organisieren und dann wieder hin zu fahren, konnte ich erst gestern das Schreiben abholen und heute zur Behörde.

Dabei ist anzumerken, dass dort immer einige Ausländer und Mitarbeiter von Unternehmen oder Serviceagenturen sind, um diese Prozedur zu machen. Man muss nämlich nicht selbst anstehen, sondern kann auch jemanden beauftragen. Es sei laut Aussage des Wärters eher ungewöhnlich, wenn man selbst in der Schlange steht. Eine Serviceagentur verlangt zwischen 2.000 bis 5.000 Hrynja (ca. 70-180 Euro) für diese Dienstleistung.

Interessant war, dass die Dame heute, die meine Unterlagen entgegennahm, noch die gleiche Dame ist, die ich vor Jahren bei OVIR in der Nähe der Metro-Station „Universität“ als Sachbearbeiterin kennen lernte. Sie erinnerte sich allerdings nicht an mich. Schließlich war das auch Jahre her. Vor einiger Zeit zog dann diese Behörde in eine andere Gegend von Kiew um, die man mit Metro und Bus relativ gut erreichen kann. Nur bin ich von mir zu Hause dorthin fast zwei Stunden unterwegs. Deshalb war ich nicht sonderlich begeistert, als mir gesagt wurde, ich könne in zwei Wochen wieder kommen, meinen Pass zeigen und dann am nächsten Tag das Ergebnis abholen.

Damit ist es dann auch noch nicht beendet, denn nach der Aufenthaltsgenehmigung kommt die Anmeldung. Diese muss innerhalb von 10 Tagen nach Erhalt der Aufenthaltsgenehmigung erfolgen, damit sie gültig ist.

Somit bin ich gut 3-4 Wochen in der Ukraine „gefangen“, denn während dieses Prozedere kann ich nicht ausreisen, ohne Gefahr zu laufen, wieder von vorne zu beginnen (heißt: beim ukrainischen Konsulat ein Visum beantragen und entsprechend Dokumente sammeln).

Eingeschlossen im „stillen Örtchen“ (18.01.2017)

Eingeschlossen im „stillen Örtchen“ (18.01.2017)

Gestern hatte ich eine Magnetresonanztomographie (MRT) im Krankenhaus. Hintergrund waren Beschwerden, die Mitte August 2016 auftraten. Anfangs dachte ich, das würde wieder von selbst weggehen. In den vergangenen 15 Jahren hatte ich immer wieder irgendwelche Kleinigkeiten und war in der Ukraine nur zwei Mal beim Arzt, den ich jeweils selbst bezahlte.

Doch dieses Mal besserte sich der Zustand nicht und so entschied ich in Deutschland, einen Arzt zu konsultieren, was ich bei Facebook kurz erwähnte. Er verschrieb ein Medikament, das vielleicht zu einer Besserung führen könne.

Ende Dezember war das allerdings nicht der Fall, weshalb ich kurz bevor ich nach Uschgorod fuhr, in Kiew zum Arzt ging. Dieser meinte, um mehr und genaueres sagen zu können, wäre ein MRT notwendig. Allerdings musste ich das Land verlassen und ein neuer Termin war erst ab 16. Januar 2017 möglich. Dieser fiel auf gestern, den 18. Januar. Doch dazu ein anderes mal mehr, weil die Geschichte komplexer ist.

Jedenfalls war ich pünktlich im Krankenhaus, MRT wurde durchgeführt und ich hatte dann gut 2 Stunden Zeit, um auf das eigentliche Beratungsgespräch nach der Auswertung zu warten. Es war gegen Mittag und deshalb ging ich in ein Cafe, wo ich etwas zu essen bestellte. Außerdem musste ich aufs Klo und wollte mir die Hände waschen.

So nahm ich Platz und fragte, wo das WC ist. Das wurde mir erklärt. Allerdings hatte ich die Nacht zuvor kaum geschlafen, weil mir viele Dinge durch den Kopf gingen. Deshalb hörte ich wohl nicht richtig zu oder verstand sie Bedienung nicht richtig. Sie meinte nämlich, ich solle irgendetwas nicht machen oder benutzen.

Als ich das WC gefunden hatte, schloss ich hinter mir die Tür, erledigte „mein Geschäft“ und wollte wieder raus. Doch die Tür ließ sich nicht öffnen. Egal, was ich tat. Zu.

An der Wand war ein Plakat und darauf das Restaurant mit einer Telefonnummer. Immerhin hatte ich mein Handy mitgenommen und rief dort an. Ich sei auf dem Klo und käme nicht mehr raus. Nein, ich sei beim Bestellservice und nicht im Restaurant, war die Antwort. OK, was solle ich dann tun? Ob sie mir die Nummer vom Restaurant geben können? Nein, sie geben grundsätzlich nicht die Nummern ihrer Partner weiter. OK… Plan B…

Ich hörte, wie sich draußen jemand die Hände wusch. Also klopfte ich von innen an die Tür, um auf mich aufmerksam zu machen. Tatsächlich reagierte die Person (in der Ukraine gibt es oft keine „getrennten Toiletten“ für Weiblein und Männlein) und ich sagte, dass ich die Tür nicht mehr auf bekomme. Die Dame meinte, sie werde das weitergeben.

Stille auf dem „stillen Örtchen“.

Es verging ein Moment und dann kam wohl eine Bedienung. Sie rüttelte an der Tür, die sich selbst von außen nicht öffnen ließ. Wieder die Antwort: Minute… Es hörte sich so an, als ob sie weg ging.

Nach einem weiteren Moment hörte ich, wie draußen Leute waren und sich an der Tür zu schaffen machten. Irgendwann klackte es dann und ich war aus meinem Gefängnis befreit. Alle hatten ein fettes Grinsen im Gesicht und ich zuckte nur mit den Schultern. Jeder ging wieder an die Arbeit zurück, eine „Entschuldigung“ oder gar eine „Entschädigung“ gab es nicht. Dafür aber diese Geschichte…

Die letzten Tage von 2016 in Transkarpatien (28.-30.12.2016)

Die letzten Tage von 2016 in Transkarpatien (28.-30.12.2016)

Den Grundstein meiner Reise über Neujahr legte ich mir selbst im November 2016. Als ich im ukrainischen Konsulat in Düsseldorf das Visum beantragte, fragte der Konsul, wann ich einreisen wolle. Ich meinte, am 7. Dezember, doch die Einladung war auf den 1. Januar 2017 datiert. Er meinte, dass das Probleme geben könnte, wenn ich bereits vor der Visumsgültigkeit in der Ukraine wäre und er es auch früher ausstellen könne. Doch ich war der Meinung, ich könne den Rest der 90 Tage noch in der Ukraine sein und dann die Prozedur für das Visum im Land ohne erneute Einreise erledigen. Deshalb sagte ich ihm, er solle das Visum ab dem 1. Januar 2017 ausstellen. Das Visum gilt für 45 Tage und sieht eine einmalige Einreise vor. Innerhalb dieser Zeit müssen alle Formalitäten erledigt werden, um dann eine einjährige Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten. Im Folgejahr kann diese dann im Land selbst verlängert werden.

In Kiew wurde mir dann von Juristen erklärt, dass ich zur Aktivierung des Visums nochmals das Land verlassen müsse und während der Visumsgültigkeit wieder einreisen könne, um es zu aktivieren. Das war am 27. Dezember. Also stellte sich die Frage, wohin ich reisen werde. Erst dachte ich, nach Przemyschl, wo ich bereits häufig war, weil ich dorthin früher oft fuhr, um die 90-Tage-Regelung zu „reaktivieren“ (bevor die Verschärfung kam, dass die 90 Tage nur innerhalb von 180 Tagen gilt). Zu meinem Glück wurde vor Kurzem sogar ein Schnellzug nach Przemyschl in Betrieb genommen, doch gab es weder für den 30. Dezember, noch für den 31. Dezember einen Platz. Viele nutzten wohl den Zug, der auch in Lwiw hält, um dorthin zu reisen.

Eine weitere Alternative wäre gewesen, am 31. Dezember nach Vilnius zu fliegen, und am 3. Januar zurück. Doch als ich Klaus und Yulia davon erzählte, meinten die beiden, sie müssten über Neujahr nach Uschgorod und würden sich freuen, wenn wir uns dort treffen. Schließlich verbrachte ich fast das ganze Jahr in Deutschland bei ihnen. Hintergrund ihrer Reise war, dass die Mutter von Yulia sterbenskrank im Krankenhaus von Uschgorod lag und es vielleicht das letzte Mal sei, sie noch lebend zu treffen. Vom 31. Dezember auf den 1. Januar könnten wir von Uschgorod in die Ostslowakei und dann zurück, damit ich das Visum aktiviere.

Diesem Plan stimmte ich dann zu und nahm am 28. Dezember gegen Abend die 15-stündige Zugfahrt über Nacht auf mich.

Mit mir im Abteil war ein junger Mann, der zufällig öfters in Deutschland auf Montage ist. Deutsch konnte er zwar nicht, aber eine Mischung aus russisch und ukrainisch. Er meinte, dass Transkarpatien wohl die schönste Region auf der Welt sei. Ich war dort noch nie und hatte bislang nur Bilder gesehen. Aber es stimmte mich neugierig.

Außerdem unterhielten wir uns über den Krieg, an dem er selbst nicht teilnahm, aber als Freiwilliger mehrere Hilfslieferungen in Frontnähe brachte. Schon zu Maidan-Zeiten, so erzählte er, fuhren seine Freunde mit ihm nach Kiew. Davon präsentierte er mir Bilder, verstummte allerdings, als ich meine Bilder aus dem Donbass zeigte.

Er stieg in Mukatschewe aus; für mich ging es noch weiter bis nach Uschgorod.

Dort angekommen, ging ich vom Bahnhof zu Fuß zum Hotel. Die beiden waren zur Mittagszeit noch nicht da, weshalb ich mich erst einmal nach der langen Fahrt hinlegte und einschlief. Gegen Spätnachmittag klingelte dann das Telefon und Klaus meinte, sie seien nun da. Also ging ich zu ihnen ins Zimmer und fuhren dann zusammen ins Krankenhaus.

In dem Krankenhausgebäude war es relativ ruhig, was wir auf die Feierlichkeiten zum Neujahr zurückführten. In dem Stock, wo Yulias Mutter lag, gab es einen „Aufenthaltsraum“, wo zwei Männer Fernsehen schauten. Dort setzte ich mich dazu und ließ Klaus mit Yulia allein zu ihrer Mutter.

Krankenhaus in Uschgorod
Krankenhaus in Uschgorod

Nach ein paar Minuten kam Klaus und berichtete von den erbärmlichen Zuständen im Krankenzimmer. Als wir schweigend auf den Boden starrten, meinte Klaus zu mir, ob das gerade eine Kakerlake war. Tatsächlich krabbelte das Ding zwischen den Füßen eines Patienten auf dem Boden umher. Irgendwie kein Wunder, denn unter dem Weihnachtsbaum stand ein Eimer mit Essensresten, die noch nicht entsorgt wurden.

Als Yulia dann zurückkam, konnte sie auch nicht wirklich näheres berichten, was eigentlich mit ihrer Mutter los sei. Sie solle am nächsten Tag um 8 Uhr wieder kommen, da dann der behandelnde Arzt im Haus wäre.

So fuhren wir also wieder in die Stadt, gingen etwas bummeln, wobei die Beiden noch Erledigungen machten. Danach kehrten wir in einem Lokal ein, um etwas zu Abend zu essen, bevor es zurück ins Hotel ging.

Für den nächsten Tag verabredeten wir, dass sie früh am Morgen nochmals ins Krankenhaus gehen und ich mir die Stadt anschaue (meine Bilder). Gegen Mittag trafen wir uns dann in einem Lokal. Yulia erzählte, dass sie den Arzt sie zwar getroffen hatte, aber dass er nicht wirklich Auskunft geben konnte oder wollte. Außerdem wurden alle Kranken aus dem Stock im Krankenhaus in ein anderes Gebäude verlegten, damit der Kammerjäger das Ungeziefer beseitigen könne. Dieser Transport fand in der Kälte über Eis und Schnee auf einer fahrbaren Pritsche statt. Für deutsche Vorstellungen ein unglaubliches Unterfangen.

Nach einem kurzen Essen fuhren wir dann gemeinsam über Mukatschewe nach Berehowe, die Heimatstadt von Yulia, an der ungarischen Grenze. Dort hatte Yulia bereits angefragt, ob es eine Möglichkeit gibt, ihre Mutter in einem Altenheim unterzubringen. Eine Nachbarin hatte dabei geholfen. Wir trafen sie in der Nähe des Hauses, wo Yulia aufgewachsen war und diese Nachbarin zeigte Klaus dann den Weg zum Altersheim.

Ich wollte nicht mit rein und wartete draußen. Nach ein paar Minuten kamen die drei wieder und meinten, dass Yulias Mutter aufgenommen würde. Allerdings sei es dort nicht unbedingt die beste Situation, doch wohl die, für ukrainische Verhältnisse, beste Lösung, die man auf die Schnelle finden könne.

Wir brachten die Nachbarin wieder nach Hause; Yulia kümmerte sich kurz ums Haus und dann fuhren wir ohne die Nachbarin über Mukatschewe zurück. In Mukatschewe machten wir Halt und besichtigten die dortige Burg (hier Bilder davon).

Abends waren wir wieder in Uschgorod, gingen zusammen Essen und dann ins Hotel. Am nächsten Tag, Silvester, wollten wir über die Grenze in die Ostslowakei, damit ich rechtzeitig aus der Ukraine ausreise, um das Visum am nächsten Tag zu aktivieren. Hierzu später mehr…

Kinder Maidantschik (19.12.2016)

Kinder Maidantschik (19.12.2016)

Kurz vor dem „europäischen“ Weihnachten war ich mit Freunden auf dem Kiewer Weihnachtsmarkt rund um die Sophienkathedrale. Davor besuchten die beiden Damen am ukrainischen Barbara-Tag die Wladimir-Kirche in der Nähe der Metrostation „Universität“. Ich wartete draußen und beobachtete die Kirchgänger. Teils aufgetakelte junge Frauen gingen über das Glatteis vor der Kirche in ihren Stöckelschuhen hinein, um wenige Zeit später wieder herauszukommen, sich nochmals dem Eingang zuzuwendend, der christlich-orthodoxen Tradition entsprechend, dreimal zu bekreuzigen. Mir ging dabei durch den Kopf, bei all dem Leid, das ich im Donbass sah, wie es eigentlich die immer noch existierenden korrupten Staatsdiener in dieser Zeit handhaben, die doch auch öffentlichkeitswirksam solche Rituale durchführen. Sehen sie ihr Verhalten überhaupt als „unmoralisch“ oder ist ihnen ihr Tun bewusst? Ich kenne einfach zu viele, die am Existenzminimum enormes leisten und frage mich bei solchen Gelegenheiten, wie es jene mit ihrem Gewissen vereinbaren, wenn sie ihre Position dazu nutzen, sich zu bereichern und der Gesellschaft damit schaden. Zählen für sie andere Menschen überhaupt?

Nachdem meine beiden Begleiterinnen wieder herauskamen, gingen wir zum Weihnachtsmarkt. Eigentlich hieß es, die Lichter des Weihnachtsbaums würden an dem Tag angemacht, doch das war eine Fehlinformation. So schlenderten wir an den Buden entlang, die Kleinkram, Essen, Tee oder Glühwein feilboten. Und da eine der beiden Freundinnen sah, wie jemand direkt aus dem Kelch den angebotenen Glühwein zum Probieren bekam, verging ihr die Lust darauf, selbst ein solches Getränk zu bestellen. Ihr war es zu unhygienisch.

Vor dem St. Michaelskloster, das während des Euromaidan eine Hilfsstätte für verletzte und durchgefrorene Demonstranten war, hatte die italienische Firma „Ferrero“ ein kleines Lager aufgebaut und es „Kinder Maidantschik“ genannt – die Verniedlichungsform von „Maidan“. Dort konnte man sich vor der Marke „Kinder“ fotografieren lassen und irgendwelche Attraktionen bewundern. Mir ging dabei durch den Kopf, wie man die „Revolution der Würde“, bei der Menschen starben, so verkommerzialisieren kann. An dem Tag kam mir keine weihnachtliche Stimmung auf und letztlich war ich froh, als ich wieder bei mir zu Hause war.

Taxifahrt vom Flughafen nach Hause (07.12.2016)

Taxifahrt vom Flughafen nach Hause (07.12.2016)

Als ich endlich durch die Passkontrolle und den Zoll nach draußen kam, fragte ich die herumstehenden Taxifahrer, was es denn bis zu mir nach Hause koste. Sie wollten 350 Hryvna, was ich für etwas übertrieben hielt. Das sagte ich ihnen auch so, doch sie meinten, dass ein Kaffee am Flughafen 70 Hryvna koste und es „gerechtfertigt“ sei. Wenn es mir zu viel wäre, solle ich ein Taxi bestellen…

Ich machte mich mit den schweren Taschen auf dem Weg zur Bushaltestelle (der Bus kostet 3 Hryvna, eine Marschrutka 5 Hryvna). Außerhalb des Flughafengeländes wartete ein weiteres Taxi und der Fahrer meinte, er wolle 200 Hryvna. Das war es mir dann wert.

Doch auf der Strecke gab es ob der Wetterverhältnisse und des Feierabendverkehrs Stau. Und so zögerte sich die Fahrt, die normalerweise 20-30 Minuten dauert, hinaus. Ich saß fast 1,5 Stunden neben dem Fahrer. Und was macht man während dieser Zeit: man unterhält sich…

Erst ging es um die Sprache. Er meinte, russisch wäre für mich wohl so schwer wie für ihn deutsch. Noch zu Sowjetzeiten diente er in der ehemaligen DDR und habe damals versucht, deutsch zu lernen, weshalb er wisse, von was er spreche. Es folgten ein paar übliche Floskeln, die fast alle Ukrainer kennen: „Isch heiße Wadim“, „Hitler kaputt“, „Hände hoch“…

Dann wechselte das Thema über die derzeitige Situation. Mein Fahrer monierte, dass sich die Werte stark verändern würden. Früher hätten Familie, Freundschaft und Kameradschaft eine andere Stellung gehabt; heute spiele Geld eine zu wichtige Rolle. Alles sei käuflich. Wenn Nahrungsmittel verderben, dann sei das eben so; man gebe weniger acht darauf, sie aufzubrauchen. Auch Kleidung würde eher neu gekauft, statt darauf aufzupassen.

Ich meinte, dass ich allerdings gerade deshalb in die Ukraine kam, weil ich den Eindruck hatte, hier würden solche Werte wie Freundschaft höher geschätzt. Zwar machte ich dieses Jahr enorm gute Erfahrung in Deutschland, doch bin ich auch wieder froh, in Kiew zu sein. Es komme wohl darauf an, welche Leute man trifft und in welchen Kreisen man sich bewegt. Er zeigte mir dann auf seinem Tablet Bilder von seinen Freunden und meinte, dass sie sehr reich wären. Sich ab und zu mit ihnen treffen, sei für ihn OK, aber mehr wolle er nicht. Ein Land mache die normale Bevölkerung aus und nicht diese Reichen, die es überall gibt. Sie hätten so abgehobene Probleme und seien trotzdem nicht glücklich.

Mich interessierte dann, was er über die Revolution und den jetzigen Krieg denkt. Wie schon so oft hörte ich, dass davon gewisse Kreise profitieren und die eigentliche Bevölkerung das nicht braucht. Die Ukraine sei sehr reich und könne eigentlich mit ihrer Landwirtschaft die ganze Welt ernähren, doch sei das nicht im Interesse dieser Eliten. Er betonte, dass er kein Politiker sei und er nicht verstehe, was Putin und Russland wollten. Früher sei man wie eine Familie gewesen. Diesen Krieg verglich er damit, als ob Deutschland gegen Österreich kämpfen würde. Aber auch in der Ukraine gäbe es Leute, die diesen Krieg wollten und ihn aufrechterhielten, weil sie damit Geld verdienen würden. Die notleidende Bevölkerung interessiere sie nicht; nur der eigene Clan und dessen Absicherung.

Ich meinte, dass der Maidan eben das ändern wollte, was er so auch bejahte. Allerdings hätte es keinen wirklichen Wechsel in den politischen Strukturen gegeben, weshalb sich auch nichts ändere. Selbst Zeit würde nicht helfen, weil diejenigen, die in die Politik gingen, dies nicht aus idealistischen Motiven täten, sondern um sich selbst zu bereichern. Irgendwie hätten sie jegliches Maß verloren und bekämen nie genug. Das sei ihnen in die Wiege gelegt.

Als ich ihm sagte, dass ich mich mit Philosophie beschäftige und zu dem Schluss kam, dass sich der Ist-Zustand und wie es dazu kam, relativ leicht beschreiben ließe, aber ich bisher keinen Weg zu einem Soll-Zustand gefunden hätte, erwiderte er, dass es wohl auch keine Lösung gebe. Die normalen Menschen seien nicht das Problem, sondern jene, die zu Reichtum und Macht kämen. Das verderbe sie.

Nach einer Stunde wurde der Verkehr wieder etwas flüssiger und mein Fahrer wies auf die Fahrzeuge im Stau um uns hin. In Deutschland sähe man wohl nicht so viele teuren Autos. Hier zahle man sie in bar, während man sie in Deutschland, wenn überhaupt, auf Kredit und per Konto kauft. Das zeige sehr deutlich, dass es in der Ukraine kein wirtschaftliches Problem gebe.

So kamen wir auf die Wirtschaft zu sprechen. Ich erzählte ihm, dass ich bereits seit vielen Jahren in Kiew lebe. Vor fünf Jahren reichte mir das ukrainische Gehalt, aber seit zwei, drei Jahren wurde es immer schwieriger, davon Miete und Lebenshaltungskosten zu finanzieren. Dabei gehörte ich in Kiew noch zu den „Besserverdienern“. In der Ukraine lebt es sich hervorragend, wenn man über genug Geld verfügt. Mein Traum: deutsches Gehalt in der Ukraine ausbezahlt.

Er meinte, dass es sehr vielen Menschen so erginge. Dabei verwies er aber wieder auf seine reichen Freunde und die teuren Autos, was zeige, dass es immer noch genug Leute mit Geld gibt. Er wünschte sich, dass sie von ihrem Reichtum einfach etwas abgeben, um Kinderheime, Schulen und Sportstätten zu finanzieren. Was sei daran das Problem? So könnten sich die Leute doch einen Namen als Wohltäter machen.

Zwischenzeitlich waren wir kurz vor meiner Wohnung. Ich fragte ihn zum Abschluss, ob das Taxi eigentlich sein eigenes wäre, was er verneinte. Er arbeite in einem Unternehmen und bekäme anteilig etwas für seine Fahrten. Das reiche ihm zum Leben, denn er brauche nicht so viel. Der große Vorteil sei, dass er sich nicht um die Instandhaltung des Fahrzeugs kümmern muss.

Statt den 200 Hryvna, legte ich noch etwas drauf und bedankte mich für das angenehme Gespräch. Von solchen führte ich zwischenzeitlich unzählige und höre immer wieder ähnliches heraus. Es wäre schön, wenn sich irgendwann auch etwas ändern würde.