Ausnahmemenschen

Ausnahmemenschen

Heute hatte ich keine Verabredungen und entschloss mich, einen Spaziergang zu machen, um meine Eindrücke der letzten Zeit zu verarbeiten. Interessanterweise beschäftigen mich meine Probleme in Deutschland kaum, denn was ich hier in der Ukraine erfahren hatte, lässt all das in Deutschland wie einen Kindergarten aussehen. Vor allem ging mir die Geschichte eines Freundes aus dem Donbass nicht aus dem Kopf.

Auf meinem Weg durch den Wald und dann über freies Feld begleiteten mich Schmetterlinge, die miteinander in der Luft zu tanzen schienen. In der Sonne roch es nach Heu und es war wunderbares Wetter. Genau das richtige Ambiente, um seine Gedanken schweifen zu lassen…

Was drückte mich nun so sehr? Im Prinzip traf ich vor gut einem Jahr einen älteren Herrn, der sich im Donbass für Kinder engagiert. Er half einer Freundin uns so lernte ich ihn auch kennen. Was ich nicht wusste: er wurde im August 2014 von den Separatisten gefangen genommen und war dort fast einen Monat im Gefängnis. Er wurde mit einem weiteren Zivilisten und zwei Militärangehörigen ausgetauscht und kam so wieder frei. Doch seinen Willen gebrochen hatten sie nicht. Wir sprachen darüber, als ich jetzt in Kramatorsk war.

Er bat mich, jemanden zu finden, der sich für seine Geschichte interessiert und darüber berichtet. Dabei geht es nicht um ihn als Person und welche außergewöhnlichen Dinge er erlebte, sondern dass die Nachwelt erfährt, was im Donbass passiert. Und diese Bitte vernahm ich nicht nur einmal von ihm, sondern hatte bereits öfters von anderen solche Anfragen. Es geht diesen Leuten darum, jemandem das zu erzählen, was sie erlebten und wohl selbst kaum fassen können, weil es wirklich außergewöhnlich ist. Sie sind dabei in etwas hineingeraten, auf das sie selbst keinen Einfluss hatten. Ich meine diesen Krieg, der für Außenstehende sowieso nicht fassbar ist.

Doch ich schweife ab. Zurück zu meinem Freund und seiner Geschichte im Speziellen: ursprünglich hatte er ein Hobby, alte Uhren zu reparieren. Dafür braucht man sehr ruhige Hände. Doch in der Gefangenschaft wurde er mehrfach mit Gewehrkolben so lange auf den Kopf geschlagen, bis er das Bewusstsein verlor. Und letztlich sind die Folgen, dass seine Hände nicht mehr so funktionieren, wie es zuvor war. Manchmal gehorchen sie ihm nicht und er kann nicht mehr das Werkzeug ruhig halten. Deshalb gibt er Silberuhren nach Kiew in eine Goldschmiede, wo sie daraus Medaillen machen.

Er erzählte auch von den Wärtern. Einer von ihnen sei ein Banker aus Moskau gewesen, der seinen Aufenthalt im Donbass als „Safari“ verstand und entsprechend seine sadistischen Gelüste auslebte. Zwei weitere Wärter seien zwischenzeitlich tot, doch er wisse, dass dieser Banker noch am Leben sei. Wo sich dieser allerdings aufhalte, wäre ihm nicht bekannt.

Ein anderes Thema unserer Gespräche war das immer noch umkämpfte Industriegebiet in Awdijiwka. Er fährt ab und zu hin, um den dort stationierten Soldaten Sachen zu bringen. Dabei muss er durch ein Tor – den Eingang in dieses Industriegebiet. Dieses wird regelmäßig scharf beschossen, weshalb Schutzkleidung nötig ist. Wenn man schnell genug durch kommt, ist die nächste Hürde, aus dem Auto zu springen und in einem Graben zur eigentlichen Stellung vorzudringen. Krieg eben, wie er meinte…

Ich wusste, dass er auch in Deutschland war und Austauschprogramme für die Kinder aus dem Kriegsgebiet mitorganisiert. Er meinte, dass es ihn ablenkt, weil er dabei Verantwortung tragen muss. In ruhigen Tagen kann er nämlich nicht schlafen, weil ihn all diese Ereignisse stark beschäftigen und verfolgen. Auf psychologische Hilfe angesprochen, meinte er, wer das denn dort vor Ort anbieten könne und was es bringe.

Es war zwar unser erstes Gespräch, doch für mich war es nichts wirklich Neues. Und trotzdem ist jedes einzelne Schicksal, jede individuelle Erfahrung dann wieder etwas anderes und eine Facette dieses unbegreiflichen Wahnsinns. Der Krieg geht ins vierte Jahr und ich lernte in dieser Zeit viele Menschen kennen, die vor Ort waren. Selbst habe ich nur die Folgen gesehen und viele Male zugehört, was die Leute aus dem Gebiet erzählten. Was Beschuss heißt, kenne ich auch, obwohl ich das nicht mit dem vergleichen will, was mir andere berichteten.

All diese Ausnahmemenschen, wie ich sie nennen will, verdienen einen riesigen Respekt, denn bei ihnen finde ich eine Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit, wie ich sie anderswo stark vermisse. Und immer, wenn ich mit ihnen zu tun habe, will ich ihnen ebenfalls etwas Gutes tun, will helfen, sie unterstützen und das in meinem Rahmen mögliche tun. In diesem Fall, entweder Journalisten finden, die sich für solche Geschichten interessieren, oder vielleicht ein Stipendium, um die Geschichten dieser Ausnahmemenschen zu sammeln, zu übersetzen und in einem Buch zu veröffentlichen. Letzteres scheint mir sogar eine würdigere Alternative zu sein, als ein kurzes Aufblitzen eines Artikels in den Medien.

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Der Ein-Hryvna-Streit

Der Ein-Hryvna-Streit

Die Ticketpreise in den Oberleitungsbussen in Kiew sind von 3 auf 4 Hryvna gestiegen, was bei einem Wechselkurs von derzeit 1:31 in Euro kein Geld ist (Metro fahren kostet zwischenzeitlich 5 Hryvna). Es sind eher ärmere Leute, die diese O-Busse benutzen und die Ticketverkäufer verdienen auch nicht viel. Dabei müssen sie sich in Stoßzeiten durch den überfüllten Bus zwängen, um das Geld der zahlungswilligen Fahrgäste einzusammeln. Manchmal fährt auch kein Ticketverkäufer mit; dann gibt es beim Fahrer ein Ticket. Und wenn der Bus voll genug ist, reicht man das Geld durch. Zurück kommt das Rückgeld und ein Ticket.

Bei meiner letzten Fahrt gab es eine Ticketverkäuferin, die zwei jüngeren Damen das Geld abnahm und ihnen je ein Ticket reichte. Doch ihr gefiel ein Ein-Hryvna-Schein nicht und wollte einen anderen. Das Problem an diesem Schein: er war bemalt und stark eingerissen. Daraufhin entbrannte ein Streit. Die Damen meinten, sie seien Ärzte in der Polyklinik und verdienen auch nicht viel; die Ticketverkäuferin meinte, sie habe nach der Arbeit besseres zu tun, als kaputte Geldscheine zu reparieren. Und im hin und her, wurde handgreiflich um diesen Schein gestritten bis er endlich ganz riss. Die anderen Fahrgäste mischten sich lautstark ein und meinten, die Ticketverkäuferin solle den Schein doch nehmen. Ihr standen sichtlich Tränen in den Augen, weil sie nicht mehr wusste, wie sie auf diese Übermacht an Gegenmeinung reagieren sollte.

Rückkehr nach Pokrowsk und dann Kiew (28.02/01.03.2017)

Rückkehr nach Pokrowsk und dann Kiew (28.02/01.03.2017)

Auf der Rückfahrt machten wir bei Pater Pawel in Nowohrodiwka Halt. Ich traf ihn bereits im Oktober. Die beiden Alexander hatten ihn mir vorgestellt. Erst kürzlich hatte ich mit ihm am Telefon gesprochen und nun zeigte er uns die ukrainisch-orthodoxe Kirche, die relativ neu in einem ehemaligen Geschäft eingerichtet wurde. Dort beteten wir gemeinsam für die Gefallenen und Gesundheit der noch Lebenden.

Danach fuhren wir über Myrnohrad weiter, wo wir Alexander (den Kaplan) abluden. Wir verabschiedeten uns herzlich. Dabei meinte er zu mir, ich solle doch bitte über das Erlebte berichten, dass man in Deutschland einen Eindruck bekommt, was im Donbass vor sich geht. Dieser Bitte versuche ich durch diese Berichte nachzukommen.

Der zweite Alexander, der den VW T4 fährt, fragte, ob ich die Szene mit dem Schrapnell und dem Gebet aufgenommen hatte, was ich bejahte. Er wollte das Video gerne auf seinem Smartphone haben. Dazu fuhren wir zu Alexej, dem Leiter des Kinderheims, weil es dort einen Computer gab. Ich hatte nämlich eine Videokamera benutzt und nicht das Smartphone. Doch als wir dort ankamen und es am Computer versuchten, klappte die Übertragung nicht. Auch in einem nahegelegenen Computerladen funktionierte es nicht. Allerdings zeigte die Kamera das Video, so dass ich es in Kiew nochmals versuchen wollte.

Unverrichteter Dinge machten wir uns zusammen mit Alexej gegen 19 Uhr zum Kinderheim auf den Weg, wo ich nochmals übernachten konnte. Am nächsten Morgen sollte es um 4 Uhr früh zum Bahnhof losgehen, denn der Zug fuhr kurz nach halb fünf nach Kiew.

Die Straßen waren schrecklich und weil es regnete und taute, konnte man die Schlaglöcher kaum erkennen. Plötzlich machte es einen Schlag und prompt hatte das rechte Vorderrad einen Platten.

Am Straßenrand, etwas außerhalb des Stadtzentrums von Pokrowsk, fing Alexander an, das Rad zu wechseln. Das Gute war, dass er für den Fall vorgesorgt und ein Ersatzrad dabei hatte. Glück im Unglück war außerdem, dass uns das jetzt, in der Stadt passierte. Nicht auszudenken, wenn das in Awdijiwka oder auf dem Weg von dort zurück geschehen wäre.

Allerdings reichte der Wagenheber nicht aus, um das Fahrzeug hoch genug zu pumpen. Alexej rief einen Bekannten an, der kurz darauf erschien und einen anderen Wagenheber brachte. Nach gut einer Stunde im nasskalten Wetter war das Rad getauscht.

Im Kinderheim aßen wir zu Abend und gingen dann frühzeitig ins Bett. Die Nacht wurde kurz und am nächsten Morgen brachte mich Alexander zum Bahnhof. Bei unserem Abschied versprach ich, wieder zu kommen und dann hoffentlich Hilfe mitbringen zu können.

Bei der achtstündigen Zugfahrt gab es prinzipiell keine Besonderheiten. Ich ließ vor meinem inneren Auge die Erlebnisse der letzten Tage passieren. Zwar war vieles wieder neu, doch nicht mehr so ungewöhnlich wie die letzten Male im Mai, August und Oktober des Vorjahres.

In Kiew angekommen, fuhr ich mit der Metro nach Hause und schaute erst einmal nach, was alles während meiner Abwesenheit an Emails und Nachrichten bei mir ankamen. Dann versuchte ich sofort, das Video für Alexander auf den Computer zu laden, um es ihm zu senden. Doch auch bei mir gab es Probleme, die sich erst nach ein paar Stunden lösen ließen.

Eigentlich hatte ich vor, den Mittag zu nutzen, um einen Zeitungsartikel über die Blockade zu schreiben und noch am gleichen Tag abzusenden. Abends wollte ich nämlich zu der Ausstellung „Promka“, bei der Fotos aus dem umkämpften Industriegebiet in Awdijiwka gezeigt werden sollten. Doch mit dem Schreiben wurde nichts, denn das Video fraß mehr Zeit als erwartet.

Bei der Ausstellung waren mehrere Journalisten und diplomatische Vertreter anwesend, mit denen ich ins Gespräch kam. Das mitunter deshalb, weil ich erst den Tag zuvor in Awdijiwka war. Allerdings befand ich mich nicht unmittelbar im Industriegebiet, sondern sprach nur mit Zivilisten. Doch dass sich diese nicht aus der Stadt vertreiben lassen wollen, überraschte die diplomatischen Vertreter, mit denen ich sprach.

Der Fotograf und zwei Kriegsberichterstatter erzählten dann über ihre Erfahrungen, was ich hier unbedingt wiedergeben möchte. Das haarsträubende daran ist nämlich, dass einige der abgebildeten Soldaten nicht mehr am Leben sind. Sie meinten, dass an der Front der Zufall entscheide, ob man am Leben bleibt oder stirbt. Der Grad zwischen Leben und Tod beträgt manchmal nur Sekunden, weil man zum Beispiel seine Zigarette ausrauchen wollte und just in dem Moment der Weg unter Feuer stand, den man sonst gegangen wäre.

Noch schockierender fand ich den Bericht, dass an einem Tag über mehrere Stunden Trommelfeuer auf eine Stellung niederging, in der sich der Fotograf mit ein paar Soldaten verschanzt hatten. Plötzlich sprang einer der jungen Männer auf und lief schreiend nach draußen, wo ihn Maschinengewehrsalven in Stücke zerhackten. Dieser Selbstmord erschreckte die anderen so sehr, dass keiner mehr auf die Idee kam, etwas ähnliches zu tun.

Was diese Leute – Fotografen, Journalisten und Soldaten – erlebten, geht weit über die Vorstellungskraft eines „normalen Menschen“ hinaus. Und ich persönlich bin nicht daran interessiert, solche Erfahrungen zu machen. Mir reicht, was ich vor Ort gehört und gesehen habe. Alles muss ich nicht haben. Als „Held“ fühle ich mich sowieso nicht, denn wie Alexander, der Fahrer, immer antwortete, als ich im Oktober fragte, ob es gefährlich wird: „Es kann immer etwas passieren – ob nun im Krieg durch eine Kugel oder durch Splitter, oder ob auf der Straße in Kiew durch einen Unfall – so ist das Leben.“

Mit diesen Worten schließe ich also die Berichte über meine viertägige Reise im Donbass.

Besuch in Awdijiwka (28.02.2017)

Besuch in Awdijiwka (28.02.2017)

Auf der Fahrt nach Awdijiwka wurde mir erzählt, dass der ukrainische Geheimdienst von zirka 500 Panzern im Separatistengebiet ausgeht und die Ukraine über zirka 300 Panzer verfügt. Bei anderem militärischen Gerät ginge man von einem ähnlichen Kräfteverhältnis aus. Das sei keine wirklich geheime Information, sondern solle verdeutlichen, dass sich militärisch für die Ukraine kaum eine Offensive bewerkstelligen lässt. Schon in Kiew hörte ich von einem „Insider“ vergleichbare Daten.

Vor zwei Wochen nannte man mir bei diesem Gespräch drei Ebenen für die jüngste Eskalation in Awdijiwka (die eigentlich Ende Januar begann): zum einen eine strategische, da die Ukrainer von ihrer Position aus eine Straße zwischen Donezk und Horliwka kontrollieren können; zum anderen eine geopolitische, um den Krieg in internationalen Medien präsent zu halten; und dann wären da noch interne Streitereien um die Kokerei, was unter anderem mit der Blockade zusammenhängt. Dabei sind die Leidtragenden Zivilisten auf beiden Seiten der Front, die wegen der Kampfhandlungen in Mitleidenschaft gezogen werden. Schuldige will ich dabei nicht ausmachen, denn alle Beteiligten könnten Nutzen aus der Eskalation ziehen.

Kurz vor der Stadt hielten wir an, weil mir die beiden Alexander Mörsereinschläge auf der Zufahrtsstraße zeigen wollten. Warum gerade dort Einschläge zu verzeichnen sind, konnten sie mir nicht beantworten. Sie meinten nur, dass auf Seiten der Separatisten russische Soldaten zu „Übungszwecken“ eingesetzt würden. Das wäre durch Gefangennahme von „Separatisten“ bestätigt. Auf meine Frage, warum die nicht auf Übungsgelände herumballern können, bekam ich die Antwort, dass es dort keine realen Kriegsbedingungen gäbe: dort wird das Feuer nicht erwidert.

Nach gut einer Stunde tauchte dann im Nebel vor uns die Kokerei auf (Video). Die Straßenverhältnisse waren katastrophal, da über diesen Weg militärisches Gerät transportiert wird. Die Kokerei liegt etwas nördlich und bis zur südlichen Stadtgrenze, wo es ins umkämpfte Industriegebiet geht, sind es fast 2 Kilometer. Dort stehen neunstöckige Wohnhäuser, die bei früheren Kämpfen stark beschädigt wurden. Ein Haus wird vom ukrainischen Militär genutzt und da Alexander als Militärgeistlicher mit den dort stationierten Soldaten sprechen wollte, fuhren wir durch die Neustadt.

Ich machte ein paar Fotos und ging auch zu der Stelle, wo vor einigen Wochen eine Wandmalerei an dem beschossenen Haus angebracht wurde. Aus dem Industriegebiet war derweil am frühen Nachmittag Beschuss zu hören – ob Panzer oder Artillerie, kann ich nicht unterscheiden. Lautes Donnern jedenfalls. Das Bild ist inzwischen sehr bekannt und zeigt die Lehrerin Maryna Martschenko, die ukrainische Literatur an der örtlichen Schule unterrichtet. Es wurde von dem australischen Künstler Guido van Helten angebracht (hier ein Bericht auf Englisch).

Als zwei Damen aus dem Haus kamen, fragte ich sie, ob sie noch in dem fast zerstörten Haus leben. Antwort: natürlich, wo sollten sie auch sonst hin? Zum Weggehen hätten sie kein Geld und in der Stadt gäbe es noch in der Kokerei Arbeit. Bis auf den Beschuss wäre das Leben auch erträglich. Am Tag zuvor wurde auch wieder der Strom angeschalten, der für längere Zeit ausgefallen war. Ich wollte wissen, wie viele Leute in dem Haus leben. Auf der zerstörten Haushälfte, die Richtung Donezk zeigt, seien noch drei Familien; auf der anderen Hälfte seien eigentlich alle Wohnungen belegt. Zehn Kinder würden dort auch leben, die aber gerade in der Schule seien.

Als ich die Bilder gemacht hatte, ging ich zurück zu den beiden Alexandern, die fragten, wo ich sonst hin möchte. Da ich im Kopf hatte, dass es vor kurzem eine Zeltstadt mit humanitärer Hilfe gab, fragte ich, ob wir dorthin könnten. Doch diese Noteinrichtung wurde inzwischen abgebaut. Also meinte ich, dass wir ins Stadtzentrum könnten, wo wir das letzte Mal im Oktober ein Denkmal mit Geschossresten sahen. Auf den Weg dorthin sah ich „Marschrutkas“ (eine Art öffentlicher Nahverkehr), in denen Leute saßen, als ob nichts wäre. Auch Fahrradfahrer und Passanten waren unterwegs. Und doch war das Donnern schwerer Geschütze zu hören, sowie das Knattern von Maschinengewehren.

Nach ein paar Bildern von dort meinte Alexander (der Fahrer), dass er mir ein Haus zeigen wolle, das erst vor wenigen Tagen einen Treffer abbekam. Dort stiegen wir aus und als ich Fotos machte, kam ein älterer Herr vorbei, mit dem wir ein Gespräch begannen. Er selbst war bei der Sowjetarmee und so fachsimpelten Alexander (der Fahrer) und der Rentner über die eingesetzten Waffen, sowie den sichtbaren Treffer. Danach führte ich mit ihm ein kurzes Interview, das ich aufzeichnete (russisch):

Interview mit einem Rentner in Awdijiwka

Alexander (der Kaplan) brachte aus dem Auto ein paar Konserven, die er dem Rentner übergab. Dieser freute sich sehr, meinte aber, dass er das eigentlich nicht brauche. Letztlich nahm er es doch an und es war zu spüren, dass ihn das Geschenk sehr freute.

Wir stiegen wieder ins Auto und Alexander (der Kaplan) meinte, er wolle mir einen „Ort des Grauens“ zeigen. So fuhren wir wieder Richtung Stadtgrenze, aber dieses Mal hielten wir nicht an den neunstöckigen Häusern, sondern bogen Richtung Industriegebiet ab. Beschuss war weiterhin zu hören. Vor einer Einfahrt im sogenannten „alten Awdijiwka“ hielten wir an. Das war ein Tuberkulosekrankenhaus und machte einen sehr unangenehmen Eindruck. Die Anordnung der Baracken erinnerten mich irgendwie an ein Konzentrationslager und die gesamte Atmosphäre auf dem Gelände war wie in einem Horrorfilm.

Eine Passantin kam vorbei und wir fragten, ob das Krankenhaus in Betrieb sei. Sie meinte, dass sie es nicht wisse und wir einfach mal reingehen sollten, um selbst zu schauen. Und tatsächlich trafen wir drinnen auf eine Pflegerin, die uns ins Verwaltungszimmer schickte.

Dort saßen drei Damen, denen ich ein paar Fragen stellte. Ob das Krankenhaus noch in Betrieb sei, wurde bejaht. Es sei ein staatliches Krankenhaus, wobei die Patienten dort nicht übernachten, sondern nur ihre Behandlung oder Medikamente erhielten. Eigentlich sei alles normal, außer, wenn der Strom ausfällt. Auch die Löhne würden regelmäßig bezahlt, wobei die Abhebung an den Geldautomaten wieder vom Strom abhänge. Angst hätten sie hier nicht, aber der Beschuss solle endlich aufhören. Ihre Kinder gingen in der Nähe zur Schule und es wäre immer ein Nervenkrieg, wenn geschossen wird. Manchmal käme es auch vor, dass aufgrund des starken Beschusses die Schule ausfällt. Dann würden sie in ihren Kellern abwarten, bis es wieder besser wird. Weggehen wollten sie nicht, denn hier hätten sie ja ihre Arbeit. Anderswo wären sie auf Hilfe angewiesen. Also blieben sie.

Nach dem Gespräch gingen wir wieder zum Auto und fuhren tiefer ins Tal, in dem dieses „alte Awdijiwka“ liegt. Auf der anderen Seite ging es den Berg hoch und dort liegt das eigentliche Industriegebiet, von wo aus der Beschuss stammt.

Wir hielten allerdings an einem Haus, vor dem sich eine Babuschka mit einer zweiten unterhielt. Die beiden Alexander kannten sie, weil sie erst kürzlich hier waren. Das Donnern wurde hier stärker und die Druckwellen waren deutlich zu spüren. Die beiden Damen bekamen mehr und mehr Angst, weil erst kürzlich ein Geschoss vor ihrem Haus einschlug. Deshalb fing Alexander (der Fahrer) mit einer der Babuschkas zu beten an. Ich nahm die Szene auf Video auf und filmte dabei zufällig, wie ein Schrapnell über dem Industriegebiet explodierte.

Da der Beschuss immer stärker zunahm, entschieden die beiden Alexander, dieses Tal zu verlassen und zurück nach Pokrowsk zu fahren. Ich, für meinen Teil, hatte im Prinzip alles, was ich brauchte: Informationen, Bildmaterial und Interviews.

Auf der Rückfahrt waren wir alle sehr ruhig. Glücklicherweise passierte nichts und wir kamen heil aus der Stadt. Es hätte auch anders sein können, was uns aber wohl erst dann bewusst wurde, als wir auf dem Weg Richtung Pokrowsk waren.

Eine Nacht im Kinderheim (27./28.02.2017)

Eine Nacht im Kinderheim (27./28.02.2017)

Ein weiterer Grund meiner Reise nach Pokrowsk war das dortige Kinderheim. Von meinen letzten Besuchen im August und Oktober wusste ich, dass dort Möbel fehlen. Der Speisesaal hatte damals nur Tische, aber keine Stühle und in den Zimmern gab es Betten, aber keine Schränke. Ich wollte hierfür eigentlich Hilfe in Deutschland organisieren, doch da Alexej, der Heimleiter sehr aktiv ist und wenig Zeit hat, bekam ich nur schleppend Infos über den Bedarf. Ein persönliches Gespräch vor Ort erschien mir deshalb sinniger.

Als ich ankam und den Speisesaal sah, waren zwischenzeitlich Bürostühle vorhanden. Zwar nicht wirklich ideal, aber immerhin etwas. Die Stühle wurde von Soldaten gespendet. Und in einem Zimmer wurde eine Schrankwand eingebaut. Solche sollen nun nach und nach in den anderen Zimmern eingebaut werden, je nach finanziellen Möglichkeiten. Die Kosten belaufen sich auf mindestens 600 Euro pro Zimmer. Insgesamt gibt es noch 10 zu renovierende Zimmer. Außerdem wäre eine Videoüberwachungsanlage gut, für die zirka 1.500 Euro benötigt würden. Mit insgesamt zirka 7.000 Euro wäre hier sehr geholfen. Wirtschaften können sie mit der Summe selbst und den größtmöglichen Nutzen für das Heim daraus erzielen.

Die beiden Soldaten, die mit mir auf dem Zimmer waren, stellten sich als Mitglieder einer Spezialeinheit vor. Der eine sei Fahrer und überführte mit seinem Kollegen ein gepanzertes Militärfahrzeug aus dem Westen nach Marjinka. Als ich meinte, ich würde morgen nach Awdijiwka fahren, erzählten sie, dass auch in Marjinka geschossen würde. Auch Alexej, der Heimleiter, war kürzlich dort und berichtete von Beschuss. Hier muss ich hinzufügen, dass Pokrowsk nie unter „separatistischer Besatzung“ war und dort auch nicht geschossen wurde. Aber die Front ist nicht sehr weit entfernt.

Die beiden Soldaten wollten am nächsten Tag wieder zurück in die Westukraine, weil ihre Mission erledigt war. Sie brachen um 10 Uhr auf, während mein Tag um 9 Uhr begann.

Zuerst ging es zum Bahnhof, wo ich eine Fahrkarte für Mittwoch nach Kiew kaufte. Mir war bekannt, dass der Zug sehr früh ging, weil ich bereits das letzte Mal im Oktober die Strecke gefahren war. Immerhin gab es noch Plätze, denn die Strecke ist begehrt, wobei viele in Dnepropetrowsk (heißt heute Dnipro) zusteigen, um von dort bis nach Kiew zu fahren.

Nachdem die „technischen“ Angelegenheiten erledigt waren, fragte mich Alexander (der Fahrer, der auch im Kinderheim übernachtete), ob ich mit einem Freiwilligen in Pokrowsk ein Interview machen wolle, der seit Anfang des Kriegs Soldaten und Zivilisten unterstützt. Er kenne ihn deshalb, weil sie dort immer wieder ihren VW-Bus reparieren ließen. Meinerseits sprach nichts dagegen. Alexander rief ihn an und er machte aus, dass wir uns vor seinem Laden treffen, wo er Autoersatzteile verkauft.

Hier ist das Interview auf russisch unbearbeitet zum nachhören:

Interview in Pokrowsk (zirka 13 Minuten)

Nach dem Gespräch sprach ich mit Alexander, dem Fahrer. Er meinte, dass es viele junge Leute gibt, die so denken. In dieser Generation liege die Hoffnung. Danach fuhren wir nach Myrnohrad, um den anderen Alexander abzuholen und dann ging es nach Awdijiwka.

Wiedersehen von Freunden (27.02.2017)

Wiedersehen von Freunden (27.02.2017)

Am Montag ging es um kurz nach 7 Uhr los zum Busbahnhof. Die 80 Kilometer von Kramatorsk ins südliche Pokrowsk dauerten gute zwei Stunden. In Myrnohrad rief ich Alexander an, dass ich in zirka 15 Minuten da sein werde. Er antwortete, dass ich dort dann am Busbahnhof abgeholt werde.

Als ich ankam, war allerdings noch niemand da und so wartete ich noch ein paar Minuten, bis ich den VW T4 erkannte, mit dem ich bereits im Oktober und August unterwegs war. Ein Wunder, dass das Ding noch fährt, denn das Fahrzeug hat massive Probleme. Und eben deshalb wollte ich zu Alexander fahren, um darüber zu sprechen.

Im Auto saß auch ein Alexander, allerdings der Fahrer. Bei ihm waren zwei weitere Personen. Der andere Alexander, mit dem ich telefonierte, war nicht dabei. Es gab eine herzliche Begrüßung, denn schließlich hatten wir uns fast ein halbes Jahr nicht gesehen und nur ab und zu am Telefon gesprochen. Die beiden Mitfahrer wurden mir dann als Oberst vorgestellt, die Alexander (der Fahrer) chauffierte. Ihr Weg führte über Myrnohrad, wo der andere Alexander lebt und zu dem ich gebracht werden sollte.

Auch in Myrnohrad gab es einen herzlichen Empfang und Alexander brachte mich zu seiner Wohnung, wo er mit seiner Frau lebt. Als ich mich von Kiew aus ankündigte, fragte ich, ob ich irgendetwas besonderes mitbringen könne. Er meinte, seine Frau liebe die „Kiewer Torte“ und eine solche hatte ich am Freitag tatsächlich besorgt. Über dieses Geschenk freuten sie sich riesig.

Wir aßen zusammen zu Mittag und unterhielten uns. Ich erklärte ihm, dass ich eigentlich mehrere Anträge einreichte, um für meine Tätigkeiten Geld zu erhalten, aber dass davon kein einziger angenommen wurde. Eigentlich hätte mindestens einer klappen sollen. Bei mindestens zwei wäre Geld da gewesen, um ihm mit dem Fahrzeug zu helfen. Doch meine jetzige Reise hatte auch den Zweck, Material für Vorträge zu sammeln, um dabei nach Spenden für die Tätigkeit der Militärgeistlichen zu fragen. Deshalb wollte ich wissen, wie es um das Auto bestellt ist.

Wie ich wusste, war der VW mehrfach in der Werkstatt und gibt langsam den Geist auf. Alexander erklärte mir, dass das Fahrzeug formal bei der Armee registriert ist und von den beiden für ihre Fahrten im Kriegsgebiet genutzt wird. Sie kümmern sich dort seelsorgerisch um Soldaten und Bewohner. Selbst nach einem Ende des Kriegs ist diese Arbeit sehr wichtig, um den Frieden zu sichern. Dabei spielt die Konfession keine Rolle.

Die Sache ist nun so, dass die Armee jederzeit das Fahrzeug für eigene Bedürfnisse zurückziehen kann, doch durch die gute Zusammenarbeit mit dem Generalstab ist das derzeit unwahrscheinlich. Ein neues Fahrzeug könnte wieder bei der Armee registriert werden, wobei sich der Status nicht ändern würde – einschließlich der Gefahr, dass das Auto als Eigenbedarf deklariert werden könnte. Das könnte dann passieren, wenn sich zum Beispiel Änderungen in der Militärführung ergeben. Vorteil sei allerdings, dass sie mit einem Nummernschild des Militärs an den Checkpoints ungehindert vorbei können, was mit einem zivilen Nummernschild problematischer wäre. Nachteil des Militärnummernschilds ist dennoch, dass es ein potentielles Angriffsziel darstellt, weil ja niemand weiß, dass darin keine Waffen transportiert werden.

Eine Reparatur des jetzigen Fahrzeugs sei ein Fass ohne Boden. Es gibt Probleme mit dem Motor und wenn sie das Geld zusammen rechnen, das sie für bisherige Flickereien ausgegeben haben, könnte man wohl ein neues Auto kaufen.

Ich wies darauf hin, dass ein Fahrzeugkauf in Deutschland und die Überführung in die Ukraine auch Zollgebühren nach sich zieht. Deshalb wollte ich wissen, ob es nicht sinnvoller sei, in der Ukraine ein Auto zu besorgen. Dagegen spricht insofern nichts, wenn denn das Geld ausreichen würde, denn beim Kauf in der Ukraine sind diese Gebühren eben eingespeist.

Da ich auf meinen Reisen allerdings sehr viele Leute mit relativ teuren Autos traf, wunderte ich mich, wie sie sich diese leisten konnten. Hierzu meinte Alexander, dass es eben um Beziehungen ginge. Er selbst habe leider keine Bekannten, die im Autogeschäft tätig sind und ihm dabei helfen könnten. Weder bei einer Reparatur, noch bei einem Neukauf.

Letztlich ist aber gerade sowieso kein Geld da, um ihm konkret zu helfen. Ob es mit dem Spendensammeln klappt, steht noch offen und wenn ja, kann ich mich dann um diese Fragen kümmern. Die benötigten Informationen habe ich jetzt.

In unserem weiteren Gespräch erzählte er mir, wie es Anfangs in Myrnohrad war. Die Stadt war nie unter Kontrolle der Separatisten, doch es gab während und nach dem Maidan sehr wohl Bestrebungen, sich der „Donezker Volksrepublik“ anzuschließen. Allerdings waren die Ukraine-Befürworter stärker und konnten die Abspaltungsversuche vermeiden.

Mich interessierte dann auch die Kirchenfrage, worauf er mir berichtete, dass im Donbass die russisch-orthodoxe Kirche sehr stark sei und auch die Separatistenbewegung unterstützte. Die ukrainisch-orthodoxe Kirche wäre nicht weit verbreitet und selbst aus der Westukraine seien die Besucher etwas hochnäsig. Das deshalb, weil sie in ihrer Heimat als Autorität angesehen würden und im Donbass eben auf ein gänzlich anderes Klientel stießen.

Eigentlich wollten wir gegen Mittag zum Bürgermeister von Pokrowsk, doch klappte es dann doch nicht. Allerdings fuhren wir trotzdem mit einem Taxi in die Nachbarstadt, um mich im Kinderheim unterzubringen, wo ich bereits das letzte Mal im Oktober war. Dort lernte ich Alexander ursprünglich im Mai kennen, als ich mit Ralf Haska erstmals im Donbass war.

Entsprechend war es mein vierter Besuch im Kinderheim, wo man mich bereits kannte und sich sehr freute, dass ich wieder kam. Dort wurde ich in einem Fünfbettzimmer zusammen mit zwei Armeeangehörigen untergebracht, die am nächsten Tag zurück in die Westukraine wollten und für eine Nacht blieben. Meine Abreise war für Mittwoch Morgen geplant und Dienstag sollte es nach Awdijiwka gehen, weil mich jemand in Deutschland darum bat, ein paar Stimmen über die dortige Situation einzufangen.

Blockade in Bachmut (26.02.2017)

Blockade in Bachmut (26.02.2017)

Morgens um 11 Uhr machte ich mich auf den Weg zum Busbahnhof, um von dort eine „Marschrutka“ („Marschrut“ bedeutet soviel wie Reiseweg und die Endung „ka“ dasjenige, das diesen Weg zurücklegt) nach Bachmut zu nehmen. Beim Hinweg fuhr ich die Südstrecke über Kostjantyniwka. Für die 60 Kilometer brauchte der Bus fast zwei Stunden, was nicht nur den Zwischenstopps geschuldet war, sondern vielmehr den Straßenverhältnissen.

Kurz vor Bachmut wurden die Passagiere an einem Checkpoint von einem ukrainischen Soldaten kontrolliert. Er trug eine Sturmmaske und Kalaschnikow. Mein ATO-Presseausweis interessierte nicht, sondern nur mein deutscher Reisepass. Probleme gab es keine. Aber diese Szene brachte mir ins Bewusstsein, wo ich mich eigentlich befand. In Kramatorsk sah ich nämlich kaum Soldaten, anders als in Bachmut am dortigen Busbahnhof.

Da ich dort absolut keine Ahnung hatte, wie ich zur Blockade komme, fragte ich erst einen Soldaten, der sich einen Kaffee kaufte. Aber er meinte, er sei nicht aus der Stadt und wisse nicht, wo die Blockade wäre. Da sah ich einen alten Lada, der auf dem Dach ein Taxi-Zeichen hatte und fragte, wem der gehöre. Der Fahrer gab sich zu erkennen und meinte, er wisse wo die Blockade sei. Dafür wollte er (für dortige Verhältnisse) stolze 40 Hryvna (Kurs 29 Hryvna/Euro). Stolz deshalb, weil er das Geld vor der Abfahrt kassierte und dann keine 5 Minuten zu einem Bahnübergang fuhr. In Kramatorsk fuhr ich auch Taxi – in einem „besseren“ Auto und eine weitaus längere Strecke, was dort 20 Hryvna kostete.

Die Blockade war leicht zu erkennen: viele Ukrainefahnen, ein paar vom „Rechten Sektor“ und auf dem Bahnübergang standen ein paar „Bären“ in Flecktarn. Die fragte ich, wer mir mehr Auskunft über Sinn und Zweck der Blockade geben könne. Sie verwiesen mich auf das Zelt, das neben den Gleisen aufgeschlagen war und riefen den „Kommandeur“ der Blockade. Er kam heraus und wir unterhielten uns.

Er war beim Freiwilligenbataillon „Donbass“, inzwischen demobilisiert, und erzählte, dass sie hier den Güterverkehr blockieren. Erst war es eine Gleisblockade, doch jetzt sind drei Zugstrecken und zwei Straßen geschlossen. Vor ein paar Tagen wurde die fünfte Blockade bei Mariupol errichtet. Anfangs wollten sie darauf aufmerksam machen, dass immer noch knapp tausend Kameraden bei den Separatisten in Gefangenschaft sitzen. In letzter Zeit verlief der Austausch sehr schleppend. Aber je länger sie weg sind, desto ernstere Folgen habe es für sie. Beim letzten Satz machte er mit seinem Zeigefinger eine Kreisbewegung am Kopf, um zu verdeutlichen, dass sie psychisch durchdrehen.

Just in dem Moment bimmelte es am Bahnübergang und die Schranken gingen herunter. Eine Elektritschka (ein Vorortzug) fuhr langsam vorbei (Video). Der „Kammandeur“ meinte, dass sie nur den Gütertransport blockieren; der Personenverkehr kann ungehindert passieren. Hier fahre nämlich eine Elektritschka in die umliegenden Dörfer und Städte.

Ein Mann kam hinzu, der sich als Sportlehrer aus Sumy vorstellte. Er sei extra für ein paar Tage angereist, um die Blockade hier aufrecht zu halten. Sie wechselten sich zu diesem Zweck ab und organisierten das per Telefon, damit insgesamt immer zirka 15 Personen an der Blockade präsent sind.

Ob sie Sorge hätten, dass es eine gewaltsame Räumung geben könnte? Das sollten sie erst einmal versuchen, dann würden sie sich nämlich wehren. Die lokale Polizei und hier stationierte Soldaten würden sie unterstützen. Selbst der SBU (Sicherheitsdienst der Ukraine) habe ein ganzes Hotel in Bachmut in Beschlag genommen, würden aber von dort nur beobachten. Die Lokalbewohner brächten Essen vorbei und luden sie zu sich nach Hause ein, um sich dort zu waschen.

Gerade wären auch Journalisten aus den USA im Zelt, die sich für ihre Ziele interessierten. Insgesamt wären ausländische Journalisten die ersten gewesen, die zur Blockade kamen. Die Ukrainer interessierte das Anfangs nicht.

Ich wurde zur „Wärmestelle“ gebeten – eine Blechtonne draußen, in der Holz brannte. Das kannte ich vom Maidan. Dort saß eine Frau und ein Mann kam dazu, der das Abzeichen des „Rechten Sektors“ am Arm trug. Er meinte, dass diese Blockade von Patrioten errichtet wurde, weil sie es satt hätten, dass sich manche am Krieg und dieser künstlichen Grenze bereichern. Damit würden die eigenen Sanktionsforderungen unterlaufen. Schlimmer noch, hier würden auch Dynamit und Zünder ins Separatistengebiet geliefert, was dort für den Bergbau genutzt wird. Aber wer könne schon sagen, ob sie das nicht auch für Waffen einsetzen. Der ganze Wirtschaftsverkehr sei ein Handel mit Blut!

Der „Kommandeur“ setzte sich dazu und meinte, dass Achmetow (ein bekannter Oligarch aus dem Donbass) an dem Krieg verdiene und Poroschenko (dem amtierenden Präsidenten) einen Teil davon abtrete. Entsprechend kämen auch deren Gegner zur Blockade, wie Saakaschwili (von Poroschenko in Odessa als Gebietsgouverneur eingesetzt, der aber zurücktrat), Sementschenko (ein bekannter Offizier, der für die Partei “ Samopomoschtsch“ im Parlament sitzt) und andere Politiker. Manche ließen sich nur an der Blockade fotografieren, aber würden sich nicht dafür interessieren, was dahinter steckt. Andere warnten vor den Folgen, denn mit der Blockade seien auch Arbeitsplätze in der Region auf beiden Seiten der Front gefährdet, sowie die Wärme- und Stromversorgung aufgrund der fehlenden Kohle.

Doch die Leute an der Blockade ließen sich durch diese Argumente nicht einschüchtern, denn schließlich würden jeden Tag Soldaten in diesem Krieg sterben, was man nicht mit zerstörten Arbeitsplätzen, und schon gar nicht mit ein bisschen fehlender Wärmeversorgung aufwiegen könne.

Nach über einer Stunde war ich etwas durchgefroren und wollte langsam wieder zurück. Ich machte ein paar Fotos und ging zu Fuß zum Busbahnhof. Dort angekommen, setzte ich mich nach dem Kauf einer Fahrkarte in die warme Wartehalle, wo mehrere Soldaten mit Kalaschnikows patrouillierten.

Diesmal fuhr ich die Nordstrecke über Slowjansk, wobei die Marschrutka auch an der Brücke am Ortseingang vorbei kam, die wir vor fast einem Jahr noch über eine Pontonbrücke umfahren mussten. Letzten Oktober wurde dort allerdings gebaut und jetzt sah ich, dass die Brücke wieder in Betrieb ist.

Diese Strecke war von den Straßenverhältnissen her etwas besser, so dass ich nach eineinhalb Stunden wieder in Kramatorsk war, als die Dämmerung begann. Für den nächsten Tag hatte ich eine Fahrkarte nach Pokrowsk. Die Reise sollte um 8 Uhr morgens losgehen.

Zur Blockade möchte ich sagen, dass beide Parteien – die Befürworter und Gegner – gute Argumente haben. Sieht man allerdings etwas genauer hin, wer hinter den Befürwortern und Gegnern steckt, kommt der Verdacht auf, dass es ihnen nicht um die vorgebrachten allgemeinen Argumente geht, sondern um persönliche Interessen. Der bittere Beigeschmack ist, dass sie dafür Leute instrumentalisieren, die damit nur Spielfiguren von Machenschaften werden.