In der Pufferzone im Donbass (27.08.2016)

In der Pufferzone im Donbass (27.08.2016)

Wer bei mir bei Facebook mitliest, wusste, dass ich in der Ukraine zu tun hatte, wobei ich nicht genauer darauf einging, um was es gehen würde. Heute, ein paar Tage später, nachdem ich Bescheid bekam, dass keine Person durch eine Veröffentlichung meines Berichts mehr gefährdet ist, kann ich sagen, dass wir von Kiew aus in den Donbass fuhren, um dort Reportagen zu machen. Darin werden allerdings nicht meine persönlichen Eindrücke auftauchen, die ich deshalb hier beschreiben möchte.

Hintergrund der jetzigen Reise in den Donbass war, dass ich mit Ralf Haska bereits den Donbass besuchte und dort einen Pastor kennen lernte, der mich fragte, ob ich nicht einen Journalisten kenne, um über seine Gegend bei Donezk zu berichten. Und ich fand einen Journalisten, der sich dafür interessierte.

Nachdem wir in Kiew die notwendigen Genehmigungen organisierten, fuhren wir mit einem Mietwagen Richtung Dnipropetrowsk (heißt seit 2016 Dnipro, aber auf allen Verkehrsschildern steht noch der alte Name). Eigentlich wollten wir dort übernachten, doch da sich noch ein letztes Interview in Kiew ergab, kamen wir erst spät los. Wer die Straßenverhältnisse in der Ukraine kennt, versteht, dass wir länger fuhren als geplant. So kamen wir gegen 4 Uhr morgens in Dnipro an.

Statt dort zu übernachten, ging es sofort weiter in Richtung Donezk zu unserem Ziel: Krasnoarmejsk (heißt jetzt Pokrowsk). Dort wollten wir uns mit dem Pastor treffen.

Nach dem ersten Checkpoint nach der Oblast-Grenze sahen wir bei aufgehender Sonne noch nicht geerntete Sonnenblumenfelder am Straßenrand. Nur die Kontrolle erinnerte daran, dass wir uns ab jetzt in der Kriegs-Zone (offiziell Antiterroristische Operationszone – ATO-Zone – genannt) befanden.

In Pokrowsk war es dann 8 Uhr morgens und ich postete ein Bild bei Facebook, was dem Pastor zeigte, dass wir in der Nähe sind. Er rief mich kurz darauf an, weil er sich sofort mit uns treffen wollte. Allerdings meinten der Journalist und der mitreisende Fotograph, dass sie nicht in der Montur vor den Pastor treten könnten. Also schlug ich vor, dass sie sich umziehen und wartete allein.

Als der Pastor mit einem alten VW-Bus mit Armeekennzeichen kam, begrüßten wir uns herzlichst. Ich erklärte die Situation, warum ich allein da stand, worauf er meinte, dass er uns eigentlich zum Generalstab mitnehmen wollte. Die Adresse konnte er mir aus Sicherheitsgründen nicht nennen. Deshalb verabredeten wir uns zirka eine Stunde später in dem Kinderheim, das ich bereits zusammen mit Ralf Haska besuchte. Ab diesem Zeitpunkt war mir real bewusst, dass wir uns in einem gefährlichen Gebiet befanden.

Nach ein paar Minuten kamen die beiden Deutschen wieder und wir fuhren zum Kinderheim. Dort trafen wir auf eine Betreuerin, die uns Tee anbot. Sie selbst stammte aus Donezk, war im Frühjahr geflohen und kam in Pokrowsk unter. Ihre Geschichte ist einerseits hoffnungserweckend und gleichzeitig deprimierend.

Das schöne an ihrer Geschichte ist, dass sie in Pokrowsk an der lokalen Schule zur Leiterin ernannt wurde und davon leben kann; das traurige ist, dass sie alles in Donezk zurücklassen musste: dort hinterließ sie nicht nur Freunde und Bekannte, sondern auch eine Wohnung und ein Haus. Sie erzählte, dass wenn sie die Immobilien verkaufen wolle, so hätten Russen (aus Russland!) Interesse, aber sie würden nur die Hälfte dessen bezahlen, was die Immobilien vor dem Krieg Wert waren. Ganz zu schweigen davon, wie der Verkauf rechtlich und logistisch ablaufen sollte.

Kurz darauf kam auch der Leiter des Kinderheims, den ich bereits zusammen mit Ralf Haska traf. Er erinnerte sich an mich und führte uns etwas herum. Das Heim ist für Kinder und Jugendliche, deren Eltern drogen- und/oder alkoholabhängig sind und die sich nicht um ihre Kinder kümmern. Der Leiter zeigte uns unter anderem die Konstruktion für die Warmwasseraufbereitung, die von der Firma Bosch gespendet und von den Jugendlichen im Heim selbst installiert wurde.

Gegen Mittag ging es dann los nach Awdijiwka, ein Städtchen direkt in der Pufferzone. Wir fuhren mit dem Pastor im VW-Bus, weil er das Passwort für die Checkpoints kannte, um ungehindert durchzufahren; der Leihwagen hätte die Stecke aufgrund den Straßenverhältnissen wohl auch kaum „überlebt“.

Auf dem Weg sahen wir Anfangs wieder Felder, teils abgeerntet, teils noch mit Sonnenblumen. Uns kamen auch mit Zivilisten voll besetzte Busse entgegen und in den Dörfern sah ich immer wieder geöffnete Läden. Dabei fragte ich mich, wie eigentlich Produkte in dieses Gebiet kommen, wenn doch die Checkpoints alles nur erschweren. Nichts erweckte den Eindruck, dass dort Krieg herrscht. Nichts, bis wir in Awdijiwka ankamen…

Da wir in Kiew kurz mit dem ATO-Sprecher Lysenko beim Ukraine Crisis Media Center sprachen, wusste ich, dass Awdijiwka immer wieder (eigentlich täglich, meist Nachts) unter Beschuss stand. Und dass dem wirklich so ist, wurde uns gezeigt: An einer Hochhäuserreihe war die Seite aus Richtung Donezk beschossen worden und prinzipiell eine Ruine; in Richtung „freie Ukraine“ wohnten im gleichen Gebäude allerdings immer noch Menschen. Man sah auf der Straße Leute mit Kinderwägen spazieren gehen, vorbei an den durch Beschuss teils ganz zerstörten, teils nur beschädigten Häusern. Auf dem freien Feld Richtung Donezk standen Warnschilder, dass dort Minen liegen. So etwas kann man sich weder vorstellen, noch wirklich ausführlich beschreiben…

Was wir in Awdijiwka dann weiter machten, lasse ich aus, da das Teil der Reportage war. Allerdings gibt es noch etwas über die Rückfahrt zu berichten, was wohl nicht in die Artikel einfließen wird. Vielleicht kommt nur das in die Berichte, dass wir an einem Punkt standen, von wo aus man in die „Donezker Volksrepublik“ blicken konnte – über das Niemandsland, wo, wie uns gesagt wurde, immer noch Menschen leben.

Ab und zu hielten wir an, wo uns auf der Straße Reste von GRAD-Raketen gezeigt wurden. Insgesamt war auf den Straßen kaum etwas los. Nur ab und zu Militär- oder OSZE-Fahrzeuge… Aber früher, vor dem Krieg, gab es auf der vierspurigen Straße Staus, weil sie der Zubringer nach Donezk war. Zwischendurch bekamen wir auch Bunkeranlagen zu sehen, sowie einen zerstörten ukrainischen Panzer.

Unser Weg führte uns auch an der „Respublika Most“ („Republik Brücke“) vorbei. Erst dachte ich, dass es sich in dem gesamten Wahnsinn um einen Scherz handle und dass die Ukrainer eine „Witz-Republik“ ausriefen. Doch dabei handelt es sich um einen hart umkämpften Checkpoint kurz vor Pisky beim Donezker Flughafen. Je näher wir dieser Brücke kamen, desto schwerer waren die Schäden an den Häusern.

Als wir zurück in Pokrowsk waren, besprachen wir, wie es weiter geht, denn ich musste zwingend nach Dnipro, von wo aus ich einen Flug zuerst nach Kiew, und dann von Kiew nach Deutschland hatte. Es war bereits Abend und die beiden anderen wollten allein in den Süden der Ukraine weiter, weshalb ich ein Taxi nahm.

Nach 3 Stunden kam ich um 22:30 Uhr in Dnipro an. Dort übernachte ich in einem Hotel im Sowjetstil, von dem ich einen schönen Blick über den Fluss hatte. Um kurz vor 5 Uhr stand ich wieder auf, ließ mich mit einem weiteren Taxi zum Flughafen bringen und kam um kurz nach 8 Uhr in Kiew-Boryspil an.

Von dort musste ich noch einmal in meine Wohnung in Kiew, weil ich etwas wichtiges vergessen hatte, und danach zum Flughafen Kiew-Schuljany. Um 11:30 Uhr ging dann der Flieger zurück nach Deutschland, wo ich um 13:30 Uhr mit sehr extremen Eindrücken und ziemlich wenig Schlaf aus der Ukraine wieder als anderer Mensch dort ankam, von wo aus ich 7 Tage zuvor abgereist war.

Allen, die diese Reise ermöglichten, ein ganz herzliches Danke! Es ist wohl das schönste Gefühl, einer Gemeinschaft anzugehören, in der man sich über Grenzen hinweg zu 100 Prozent aufeinander verlassen kann. Möge dieser Krieg endlich aufhören. Und möge die Menschheit daraus lernen, dass für solche Freundschaften nicht Tod und Zerstörung notwendig sind.

Die Stadt nach einem Journalistenmord

Die Stadt nach einem Journalistenmord

Heute morgen erfuhr ich nach dem Aufstehen, dass es einen Anschlag auf einen Journalisten gab, der bei einer Explosion ums Leben kam. Obwohl derzeit viel auf der Welt passiert (Terroranschlag in Nizza, Putschversuch in der Türkei, Axt-Anschlag in Deutschland) schaffte es die Meldung in deutsche Medien.

Da ich heute sowieso nichts konkretes vorhatte, half ich bei Übersetzungen zu dem Mord in Kiew. Allerdings hatte ich am Spätnachmittag eine Verabredung, um ein letztes Mitbringsel an eine Freundin abzugeben.

Also fuhr ich gegen 16 Uhr in die Stadt, nachdem ich mehrere Meldungen zu dem Mord ins Deutsche übertragen hatte.

Mein Weg führte mich am Kiewer Opernhaus vorbei, wo ich Anfang des Jahres eingeladen war, „Madam Butterfly“ anzusehen. Das war aber nicht nur einfach ein Opernbesuch, vielmehr hatte sich eine Freundin in der Oper mit Bekannten verabredet, um danach irgendwohin zu fahren. Sie meinte damals, dass sie mir nicht sagen will, wohin die Reise gehen wird. Sie sei zu abergläubisch. Später erfuhr ich dann, dass sie Hilfslieferungen in die ATO-Zone brachten.

Als ich heute an dem Gebäude vorbei ging, erinnerte ich mich an die Geschichte und fühlte mich ein bisschen wie im „falschen Film“. Da geht man mit schick angezogenen Menschen in die Oper und fährt danach in ein Kriegsgebiet…

Als ich dann im Schewtschenko-Park an der Roten Universität ankam, posierten dort ein paar Mädels für Fotos. Es war nirgendwo etwas von dem heutigen Anschlag zu bemerken. Die Leute flanierten in der Sonne, saßen im Park und schienen das Leben zu genießen. Ich weiß nicht, ob diesen Menschen bewusst war, was heute geschah oder ob es sie einfach nicht interessierte, im Glauben, dass es sie sowieso nichts angeht. Schließlich stecken die wenigsten Leute ihre Nase in Dinge, die gefährlich werden können (wobei ich damit unterstelle, dass das Mordmotiv mit der Ausübung des Journalistenberufs zusammen hängt).

Das Treffen selbst war relativ kurz und nach nur einer Stunde befand ich mich wieder auf der Rückfahrt. Die U-Bahn war voller Menschen und wieder hatte ich das Gefühl, dass alles normal war. Selbst zu Maidan-Zeiten während der Revolution kam mir das Alltagsleben surreal vor, weil alles irgendwie seinen normalen Gang nahm. Nur selten hatte ich Kontakt mit dem, was im Land tatsächlich vor sich ging, und das dann hauptsächlich auf dem Maidan selbst. Gleiches gilt für den Krieg oder eben wie heute, nach diesem Mordanschlag.

Ein betrunkener Binnenflüchtling und der Einfluss des TV

Ein betrunkener Binnenflüchtling und der Einfluss des TV

Gestern Abend traf ich mich mit einer lieben Freundin, um erst Essen und dann spazieren zu gehen. Unser erstes Ziel war der „Bogen der Freundschaft“, wo man eine schöne Aussicht über Kiew hat. Dort standen wir an der Mauer, wo es zirka fünf Meter nach unten geht.

Neben uns gesellte sich ein junger Mann, der sichtlich betrunken war oder gar unter Drogen stand. Er setzte sich auf die Absperrung und wir hatten Sorge, er könne hinunterspringen. Nach einer Weile kamen dann auch Leute, die ihn aufforderten, sich nicht so hinzusetzen. Sie halfen ihm zurück auf „sicheren Boden“ und verscheuchten ihn.

Aber nach ein paar Minuten war er wieder da und setzte sich in der gleichen Position hin. Diesmal lag es an uns, ihn wieder „zurückzuholen“. Dabei schimpfte er, dass ihn niemand mag und alle ihn einen Idioten nennen würden. Er meinte, er stamme aus Donezk und sei nach Kiew geflüchtet. Wir begleiteten ihn weit weg von der Mauer und da ihm unsere Aufmerksamkeit gefiel, ließ er nicht mehr von uns ab. Das war für uns nicht so angenehm, denn wir wollten eigentlich unsere Ruhe. Leider war keine Polizei da, denen wir ihn gerne „übergeben“ hätten.

Auf unserem Weg Richtung Maidan lief er allerdings schneller vor uns her, um in einer Unterführung zu verschwinden, die wir dann doch nicht nahmen und einen anderen Weg wählten. Ich weiß nicht, ob es verantwortungslos war und was aus ihm geworden ist, doch es war schon spät und wir mussten zur U-Bahn.

Heute ging ich nochmals in die Stadt, um ein paar Dinge abzuholen, die ein Freund aus Deutschland in Kiew vergaß. Als ich das Haus erreichte, fragte ich die Babuschkas, die davor saßen, ob es das richtige Haus sei. Das wurde bejaht. Als ich wartete, bis die junge Dame mit den Sachen herauskam, hörte ich den Babuschkas zu, über was sie sich unterhielten. Eine meinte, sie habe etwas gehört, wisse aber nicht, ob das stimmt. Ihre Sitznachbarin meinte, dass das schon seine Richtigkeit hätte, denn schließlich habe man darüber im Fernsehen berichtet. Ich dachte mir nur meinen Teil dazu…

Unfälle, Service und Volontäre

Unfälle, Service und Volontäre

Gestern war ich im Ukrainischen Haus, um dort ein paar Dinge zu klären. Als ich draußen beim Rauchen stand, hörte ich einen Knall. Ich schaute natürlich, was vorgefallen war und sah, dass vor der Philharmonie ein Auto einem anderen aufgefahren war. Blechschaden, keine Verletzten. Das geschah gegen 16:30 Uhr im beginnenden Berufsverkehr. So gesehen, nichts besonderes. In Deutschland tauscht man die Kontaktdaten aus, fotografiert und dokumentiert den Unfall. So aber nicht in der Ukraine. Dort muss der Unfall aus versicherungstechnischen Gründen durch ein Polizeiprotokoll aufgenommen werden. Bis zum Eintreffen der Polizei darf die Unfallstelle nicht verändert werden. Also standen die beiden beteiligten Fahrzeuge mitten auf der Fahrbahn und der gesamte sonstige Verkehr musste die (ungesicherte) Unfallstelle umfahren.

Um 19 Uhr hatte ich einen weiteren Termin und als ich das Ukrainische Haus verließ, standen die Autos immer noch am gleichen Platz. Ich sah auch ein Fahrzeug der „neuen Polizei“ kommen, doch das war wohl trotz Blaulicht auf dem Weg zu einem anderen Ort, denn es fuhr an der Unfallstelle vorbei. Keine Ahnung, wie lange die beiden dort noch standen. Vor Jahren erzählte mir einer meiner „Schüler“, den ich damals deutsch unterrichtete, dass er über 4 Stunden bis zum Eintreffen der Polizei (damals noch Miliz) warten musste. Geändert hat sich das offenbar nicht.

Bei meiner Verabredung wollte ich nichts essen, aber da sich das Gespräch hinzog, riefen die beiden Damen die Bedienung. Keiner fühlte sich zuständig. Und als dann doch eine Bedienung kam, fragten sie, wie lange es denn dauern würde, bis sie ein Eis bekämen, für das sie sich interessierten. 20-30 Minuten müssten sie warten. Sie lehnten dankend ab. Undenkbar!

Ich selbst habe das selten erlebt, doch weiß ich von anderen Treffen, dass meine Begleitungen oftmals über den Service ihrer Landsleute schimpfen. Zu langsam, zu unfreundlich und manchmal unverschämt. Dabei hatte ich am Wochenende das Gegenteil erlebt. Der Restaurantbesitzer sah mich allein ohne etwas da sitzen und fragte, warum das so sei. Ich wartete bereits nach aufgegebener Bestellung gut 10 Minuten und gerade in dem Moment, als er fragte, kam die Bedienung auch mit dem Gewünschten. So hatte es sich erledigt.

Das gestrige Gespräch drehte sich dann um Hilfe für Soldaten, die aus der ATO-Zone kommen und wieder im Zivilleben Fuß fassen sollen. Im Prinzip sucht die Organisation Hilfe, um den zu gründenden Kleinunternehmen einerseits Schulungen zu geben, wie man in der Ukraine Geschäfte eröffnet, wie man sie dann auch langfristig und gewinnbringend führt, sowie andererseits wo man Startkapital bekommen kann.

Die beiden Damen haben Erfahrung in dem Bereich. Die eine ist selbst Unternehmerin, die andere ist Rechtsanwältin und arbeitete lange bei einer Bank. Mir sind aus meinen Übersetzungen Programme der EBRD bekannt, wobei ich versprach, danach zu suchen. Außerdem empfahl ich deutsche Institutionen in der Ukraine, wohin sie sich wenden sollten, denn sie bieten soweit mir bekannt ist teilweise solche Unterstützung.

Die Organisation, für die die beiden tätig sind, existiert nicht seit gestern, sondern hat bereits solche Programme durchgeführt und auch Geld dafür bekommen. Doch leider laufen die Förderungen nach einer gewissen Zeit ab, weshalb man neues Geld beantragen muss. Dies geschieht oftmals bei neuen Fördergebern, da eine Folgeförderung selten der Fall ist.

Und so hörte ich auch Geschichten über Startups. In einem Fall lernten sich zwei Kleinunternehmer in der ATO-Zone kennen; der eine verlor sein Bein, der andere blieb unversehrt. Die Organisation half ihnen, zuerst eine Reha zu machen, damit sie psychisch wieder auf die Beine kommen, dann erhielten sie eine Beratung zu ihrer Geschäftsidee, dann etwas Startkapital, um sich Ziegen herzutun, aus deren Milch sie Käse produzieren.

Die beiden Damen erklärten, dass es wichtig ist, zuerst die Integration ins „normale Leben“ sicherzustellen, dann die Motivation für die Geschäftsidee zu fördern und mit Machbarkeitsschulungen die Neuunternehmer eine gewisse Zeit lang zu betreuen, bis sie selbst zurecht kommen.

Ich wünsche mir sehr, dass es für dieses Vorhaben weiter Fördermittel gibt, denn eine Sorge ist, dass die ehemaligen ATO-Kämpfer zu Alkoholikern werden, Selbstmord begehen, weil sie für sich keine Perspektive sehen und keine Hilfe bekommen, oder im schlimmsten Fall aus Hass Amok laufen.

Ausflüge in der Ukraine

Ausflüge in der Ukraine

Hatte ich am Wochenende Recherchearbeiten und Schreibkram zu erledigen, fiel mir am Sonntag Nachmittag dann die Decke auf den Kopf. Samstag war es zu Hause angenehm, denn es regnete in Strömen, doch Sonntags ließ sich wieder die Sonne blicken. Also machte ich mich auf, im Zentrum der Stadt spazieren zu gehen, bevor es zum Stammtisch gehen sollte.

Auf dem Maidan kamen dann die Erinnerungen an die Revolution. Mindestens einmal in der Woche war ich im Winter 2013/2014 auf dem Maidan, um irgendetwas zu bringen, das benötigt wurde. Es gab damals Aushänge, was gebraucht wurde. Kleider und Lebensmittel waren aber immer gefragt, die man am Gewerkschaftshaus abgeben konnte, das erst in den sehr heißen Tagen Ende Februar 2014 abbrannte und heute immer noch renoviert wird. Etwas pervers fand ich bei meinem Spaziergang, dass an einer Ecke des Gebäudes ein Cafe eröffnete, denn in dem Gewerkschaftshaus verbrannten damals Menschen. Es diente im Winter der Revolution als Krankenhaus und die Verletzten schafften es nicht mehr hinaus.

Da ich noch nichts gegessen hatte, ging ich in ein Cafe gegenüber vom Gewerkschaftshaus, das mir damals ein Freund zeigte. Es ist günstig und gut, weshalb ich dort seither immer wieder zu Gast war. Man kennt mich dort auch – der Besitzer bis zu den Bedienungen. Damals saßen wir Ende Januar dort, als es an einem Tag in der Grushevskogo-Straße ruhiger war. Wir diskutierten über die Situation im Land und gingen danach durch das Labyrinth ausgebrannter Kleinbusse bis vor zur Polizeiketten, die dort als Blockade in Richtung Parlament stand.

 

Nach meinem Besuch in dem Cafe ging ich langsam in Richtung des Pubs, wo seit Jahren unser Stammtisch stattfindet. Mein Weg führte mich auch am SBU-Sitz in der Nähe des „Goldenen Tors“ vorbei. Dort gibt es eine Skulptur, auf der Georg einen zweiköpfigen Drachen bekämpft. Mir fiel früher nicht auf, dass diese Skulptur auf der Landkarte der Ukraine steht und der Drache im Osten sitzt, wobei er mit dem Schwanz die Krim berührt. Die Skulptur ist wurde irgendwann 2014 oder 2015 eingeweiht.

Beim Stammtisch erlebte ich einen netten Abend und traf alte Bekannte wieder, sowie neue Leute, die teilweise zum ersten Mal dort waren. Es ist eine Art „Hub“ für Informationen über das, was im Land vor sich geht. Manchmal kommen Akademiker, manchmal Journalisten und Geschäftsleute, aber auch Studenten aus der Ukraine. Spät Abends ging ich dann wieder nach Hause.

Gestern hatte ich eine Verabredung, um gemeinsam nach Kaniw zu fahren. Das machten wir am Freitag aus, da es Teil eines Projekts ist, das ich in der Ukraine umsetzen möchte. Dieses Land und dessen Menschen werfen in mir sehr viele Fragen auf, die ich beantwortet haben will. Einerseits herrscht nämlich faktisch Krieg im Osten der Ukraine, andererseits gibt es eine politische und wirtschaftliche Krise; und trotzdem leben die Menschen irgendwie und mich interessiert, wie eigentlich der Alltag aussieht – nicht nur in Kiew, wo ich viel zu lange war, sondern auch in den anderen Landesteilen.

Daher der Ausflug nach Kaniw, der letzten Ruhestätte von Taras Schewtschenko. Man könnte ihn den ukrainischen Goethe nennen, der in einem Gedicht schrieb, dass er in Kaniw begraben werden wollte. Zu seinen Ehren gibt es dort auch ein Museum, wobei dieses Montags geschlossen hat. Die Stadt selbst schien mir nicht sonderlich interessant, aber die Aussicht auf den umliegenden Hügeln über die Weiten des Dnipro ist beeindruckend. Kein Wunder, dass Schewtschenko dort begraben werden wollte.

Spät Abends war ich dann wieder zu Hause in Kiew, aber zu müde, um noch etwas zum Wochenende zu schreiben.

У Києві у справах – In Kiew zu tun

У Києві у справах – In Kiew zu tun

Als ich aus Deutschland abfuhr, wurden mir verschiedene Aufträge erteilt, die ich in Kiew erledigen sollte. Also machte ich mich heute morgen auf den Weg, um die erste Aufgabe bei der Österreichischen Botschaft zu erledigen. Dazu fuhr ich mit der Metro in die Stadt, wo ich mehrmals Gruppen von Soldaten sah. Ja, es ist immer noch Krieg im Land. Mir war unklar, ob sie nur in die Kaserne gingen, von dort kamen, oder aus der ATO-Zone oder ob sie dorthin fahren. Doch wahrscheinlich nicht, denn dazu waren sie zu gut gelaunt.

Nach Wochen kam ich wieder am „Pub Sunduk“ vorbei, wo wir Sonntags unseren deutschen Stammtisch haben. Viele Erinnerungen wurden wach. So auch, als ich vor der Österreichischen Botschaft stand:

Vor Jahren war ich einmal beim „Österreichischen Wirtschaftsstammtisch“ und der Organisator, der damalige Österreichische Militärattache, bat mich höflich, aber bestimmt, die Veranstaltung wieder zu verlassen. Eigentlich verständlich, denn die Manager internationaler Konzerne wollten unter sich sein und nicht von irgendwelchen „kleinen Normalbürgern“, der ich damals war, belästigt werden.

Ich sah damals, wie aufstrebende Rechtsanwälte und Journalisten, die gerade in Kiew ihre Arbeit begannen, auf sich aufmerksam machten und ihre Visitenkarten verteilten, um irgendwann vielleicht Aufträge zu ergattern. Ich war nur dort, um mir das einmal anzuschauen. Doch eben dieses „Anschauen“ war offenbar nicht erwünscht. Als ich in jenem Winter wieder meine Jacke anzog, meinte der Militärattache dann doch, ich könne bleiben, aber nur ausnahmsweise und dann solle ich nie wieder kommen.

Deshalb machte ich mich ein paar Tage später auf den Weg zur Österreichischen Botschaft, um mich für mein Auftauchen zu entschuldigen. Da hörte sich alles ganz anders an und ich dürfe das nächste Mal gerne wieder kommen, was ich allerdings doch vermied. Sicher war es interessant, einmal die Top-Manager von Konzernen zu sehen und sich sogar mit ihnen zu unterhalten. Doch ich verstand auch, dass sie einmal „unter sich“ sein wollten.

Meine Tour führte mich heute dann weiter ins „Ukrainische Haus“ zu UCMC, um dort etwas zu besprechen. Das Gespräch war gut, wobei es nur ein „Auftakt“ war. Nächste Woche ist der nächste Termin, um konkreter zu werden und um die Geschichte zu vertiefen.

Danach klärte ich Fragen, die mir in Berlin in Auftrag gegeben wurden, wobei es um Recherchen in der Ukraine ging. In diesem Zusammenhang sprach ich kurz mit Herrn Hug von der OSZE, den ich bereits in Berlin bei den Kiewer Gesprächen traf. Ich wollte von ihm wissen, ob die OSZE Informationen über Kriegsgräber in den besetzten Gebieten hat. Er antwortete mir, dass die OSZE zwar damit in Berührung kam und auch darüber berichtete, aber der bessere Ansprechpartner sei das Internationale Rote Kreuz.

Am Spätnachmittag hatte ich mich mit Mariia Varfolomeieva verabredet. Euromaidan NRW e.V. bat mich, ihr eine Spende auszuzahlen, damit sie eine Kamera kaufen kann. Sie war lange in der sogenannten Luhansker Volksrepublik in Gefangenschaft und ist eigentlich Photojournalistin. Ich traf sie bereits in Köln beim Lew Kopelew Forum, wo sie über ihre Geschichte erzählte. Einen Bericht über unser Treffen heute gibt es später bei Euromaidan NRW.

Inzwischen sitze ich wieder zu Hause (in Kiew) und mache mich daran, etwas zu kochen und dann die Tagesergebnisse über das zu schreiben, um was man mich bat.

Vorübergehend zurück zu Hause

Vorübergehend zurück zu Hause
Auch wenn es nur vorübergehend ist, kam ich gestern an einem relativ besonderen Tag wieder in Kiew an. Die Fahrt mit dem Bus von Berlin aus verlief gut. Es war nicht ganz der Horror, wie ich erwartet hatte. Alle vier Stunden wurde für zehn Minuten Pause gemacht, so dass der Nikotinspiegel aufrecht gehalten werden konnte. An Schlafen war allerdings nicht zu denken, weil mir einfach zu viel im Kopf herumgeisterte. Mir wurde während der 20-stündigen Fahrt so langsam klar, was ich die letzten 6 Monate eigentlich erlebte. Deshalb schwelgte ich teils in Erinnerungen, teils in Plänen, wie es in meinem Leben weitergehen soll.
Und das war nach dem Grenzübergang (mit nur einer Stunde Abfertigung) deutlich fühlbar: Ich will in der Ukraine bleiben. Zudem fuhr der Bus über Riwne eine Strecke, die ich noch nicht kannte, weshalb die noch nie gesehene Landschaft diese Wunschentscheidung bestärkte.
Die nächsten Tage werden etwas stressig, denn einerseits stehen mehrere, zum Teil wichtige, Termine an, um Projektideen zu besprechen; zum Teil werde ich Freunde und Bekannte treffen. Bis 24. Juli muss das alles erledigt sein. Danach geht es wieder nach Deutschland, um dem JobCenter ein (bis dahin endgültig) vorbereitetes Konzept vorzulegen. Ich will mich nämlich selbständig machen, was gewisse Schwierigkeiten mit sich bringt.
Immerhin wurde die Reise genehmigt, da ich plausibel erklären konnte, dass sie zum Konzept gehört. Bereits die Zeiten in Berlin waren Teil dieses Vorhabens und brachten entsprechende Klärung.
Egal, mit wem ich bisher sprach, ich bekam die Bestätigung, dass es nicht nur machbar, sondern auch ein guter Plan ist. Und das waren nicht einfach Freunde, die mir Zuspruch geben wollten, sondern Leute, die sich in diesem Bereich auskennen.
Eigentlich bin ich kurz davor, alles „im Kasten“ zu haben, wäre da nicht trotzdem die große Frage: Wird das überhaupt so funktionieren, wie ich mir das wünsche und vorstelle? Aber: Wenn ich es nicht versuche, werde ich es nie erfahren! Zudem war ich 15 Jahren lang selbständig und ich kann mir nicht vorstellen, diese Freiheit aufzugeben, selbst zu bestimmen, wann, wo und wie ich arbeite.
Ich bleibe weiterhin optimistisch und versuche diesen eingeschlagenen Weg weiter zu gehen. Ansonsten wäre das vergangene halbe Jahr nur ein schöner Ausflug gewesen, statt Vorbereitung auf das Kommende. Auf deutsch würde ich sagen: Gesundes Gottvertrauen; auf ukrainisch: Все будет добре.