Beschissene Busfahrt (19./20.12.2017)

Beschissene Busfahrt (19./20.12.2017)

Am Dienstag gab ich um 14:30 Uhr die Schlüssel der vorübergehenden Bleibe ab und stand wieder mit meinen Habseligkeiten (ca. 40 Kilogramm in drei Taschen) auf der Straße. Was ich noch hatte war ein Busticket nach Kiew, wobei ich zuerst zur Haltestelle kommen musste. Mir wurde telefonisch vom ukrainischen russischsprachigen Busfahrer gesagt, er komme zwischen 15:10 Uhr und 15:20 Uhr. Um 15:30 Uhr war aber kein Bus in Sicht und da ich noch nie von dort gefahren bin, hatte ich ein mulmiges Gefühl, ob ich überhaupt an der richtigen Haltestelle stehe. Also rief ich nochmals an. In 15 Minuten, hieß es. Kurz vor 16 Uhr war es soweit. Meine zwei Taschen wurden im Gepäckraum verstaut; die dritte (mit Notebook) nahm ich in den Bus. Auf dem von mir gebuchten Fensterplatz saß eine Dame in meinem Alter und machte keine Anstalten, mich ans Fenster zu lassen. Also saß ich auf dem Gangplatz, was noch unbequemer ist. Doch die Dame wollte in Lemberg aussteigen, weshalb ich nicht meckerte.

In Dresden wurden weitere Passagiere aufgenommen, so dass der Bus fast voll war (7 Plätze blieben frei). Unter den Mitreisenden waren kaum Deutsche (soweit ich es mitbekam, hatte eine weitere Person einen deutschen Pass). Ukrainer benutzen Busse relativ häufig als Reisemittel, was sich in Deutschland durch Flixbus langsam ändert.

An der deutsch-polnischen Grenze wurde der Bus dann von deutschen Grenzbeamten angehalten (der Bus hatte ein ukrainisches Kennzeichen). Insgesamt acht Personen wurden genauer gefilzt. Das bedeutet, sie wurden aus dem Bus geholt und „verhört“, bzw. mussten Dokumente nachreichen. Einer durfte nicht weiterreisen. Die Aktion dauerte insgesamt über eine Stunde.

Was die Mitreisenden anging, so waren mehrere Kinder mit ihren Eltern dabei, einige Rentner und ein paar Jugendliche. In der Nacht sprachen die Leute hinter mir über den Krieg, über die Krim und dann die ukrainische Sprache. Offenbar stimmt das Gerücht, dass wenn Ukrainern nichts mehr zum reden einfällt, kommt die Sprachenfrage auf.

Der zweiter Deutscher war Rentner, der nach Kiew reiste, um dort seine „Freundin“ zu treffen. Ich sprach ihn nicht an, weil er mir etwas neben der Schüssel vorkam. Seine „Begleiterin“, die vehement verneinte, er sei ein Freund von ihr, war recht chaotisch und machte einen seltsamen Eindruck. So, als ob sie ihm die Freundin gegen Gebühr vermittelte und den etwas verwirrt scheinenden Opa ausnahm wie eine Gans.

Die Fahrt durch Polen verlief ohne Probleme. Je länger es dauerte und je größer der Schlafentzug wurde, desto surrealer erschien mir die vorbaurauschende Welt. Da war zum Beispiel plötzlich eine Straßenbahn neben unserem Bus auf der Autobahn. Wie sich herausstellte, handelte es sich tatsächlich um eine Straßenbahn, die ein LKW geladen hatte.

Als wir die polnisch-ukrainische Grenze gegen 4 Uhr morgens erreichten, kam eine Mitfahrerin zu den Herren hinter mir und fragte, ob es dort noch einen freien Platz gebe. Sie wolle nicht mehr in der Nähe des deutschen Rentners sitzen. Wie sich herausstellte, hatte er in die Hose geschissen, was einen unangenehmen Duft verbreitete. Doch wir waren im Grenzgebiet und es gab keine Chance, dass er rausgeht und die Kleidung wechselt. Zudem sprach er kein russisch oder ukrainisch, was die Sache noch schwieriger machte. Der ganze Bus musste also die Nase rümpfen. Manche hielten sich nasse Taschentücher vor die Nase, um den Geruch zu absorbieren.

Vor uns waren drei volle Busse. Wenn man rechnet, dass die Kontrolle für eine Person ca. eine Minute dauert, dauert es bei 50 Passagieren (wie in unserem Bus) fast eine Stunde. Und das war nur die polnische Seite, denn auf ukrainischer Seite läuft die Prozedur nochmals ab. Kurz: nach ca. 5 Stunden waren wir endlich in der Ukraine. Bis nach Lemberg noch eine Stunde und danach machte der Bus eine Pause, wobei sich der „stinkende Rentner“ endlich bemühte, seine Kleidung zu wechseln. Es war ihm sehr wohl peinlich, doch da alle um ihn herum nur russisch oder ukrainisch sprachen, blieb er wortkarg. Nur seine „Freundin“ übersetzte ab und zu, was die Leute um ihm herum sprachen. Sie war eigentlich mehr am Telefon und scherzte dort mit irgendwelchen Leuten.

In der Ukraine lag viel Schnee. Wir überholten so manchen Pferdewagen, wie ich sie nicht aus Deutschland kenne, aber was mich an meine Überlandfahrten in der Ukraine erinnerte. Jedenfalls ging es nicht ganz so zügig voran, so dass wir gegen 19:45 Uhr letztlich Kiew erreichten.

Dort nahm ich meine 40 Kilogramm und suchte ein Taxi. Doch die warten nicht am Busbahnhof, sondern gut 500 Meter weiter am Bahnhof. Auf dem Weg dorthin sah ich eins mit offenem Fenster. Ich fragte, ob er frei sei. Er erwiderte, ja, wohin ich denn wolle, nannte den Preis und ich sagte zu.

Er wollte die Adresse in das Navigationsgerät eingeben, doch fand das Ding die Straße nicht. Wie sich herausstellte, bekam mein Wohnort einen neuen Namen. Nicht wegen der Dekommunisierung, sondern weil es mehrere Straßen mit diesem Namen gab und es immer wieder zu Verwechslungen führte.

Um 20:30 Uhr war ich erstmals zu Hause, doch da keinerlei Essensvorräte da waren, musste ich nochmals los. Um 21 Uhr war ich dann endlich daheim. Nach einer beschissenen Busfahrt – im wahrsten Sinne des Wortes dank dieses liebesdurstigen Rentners. Und zu Hause stellte sich heraus, dass ich kein Internet hatte.

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