Fazits meiner Reise in den Donbass (04.11.2016)

Fazits meiner Reise in den Donbass (04.11.2016)

Gestern schrieb ich den letzten Bericht, den ich zu meiner Reise in den Donbass zählen würde. Abends war ich dann noch bei einer Veranstaltung der Nationalen Universität Kiew-Mohyla-Akademie (NaUKMA), auf der Alexander Hug von der Sondermonitoringmission der OSZE über deren Arbeit sprach. Vieles von dem, was er über die Situation vor Ort sagte, konnte ich bestätigen. Dies war eine gute Ergänzung zu meinen eigenen Erfahrungen vor Ort, um heute, nach knapp zwei Wochen Abstand, Fazits zu ziehen.

Prinzipiell war die grundlegende Intension meines Aufenthalts, einmal länger als nur ein paar Stunden im Donbass zu verbringen, wie es zuvor im Mai und August 2016 der Fall war. Ich wollte selbst erleben, was dort vor sich geht, um mir ein eigenes Bild machen zu können. Aber auch, weil ich von Freunden aus dem Gebiet dorthin eingeladen wurde, um über deren Realität im Kriegsgebiet berichten zu können.

Dass es sich um einen faktischen Krieg handelt, der aus verschiedenen Gründen nur nicht so genannt wird, war für mich spätestens dann klar, als ich die Folgen der Kampfhandlungen mit eigenen Augen sah und selbst Maschinengewehre und den Beschuss aus größeren Waffen hörte.

Auch die Gespräche mit der Lokalbevölkerung bestätigten, dass man nicht von einer „Anti-Terror-Operation“ sprechen kann, unter der ich mir eher vorstelle, dass besetzte Gebäude durch bewaffnete Spezialeinheiten innerhalb Stunden „befreit“ werden. Nicht aber, wenn schwere Waffen in Form von Panzern, Artillerie, Mörsern oder Mehrfachraketenwerfern zum Einsatz kommen. Solches Gerät hatte ich aufgrund der Rotation aus dem Gebiet abziehen gesehen, aber auch, wie Ersatz in der Nacht wieder dorthin gebracht wurde.

Ein Fazit ist deshalb die Frage der Definition, ab wann Krieg Krieg ist.

Mir ging es bei diesem „Ausflug“ nicht um Kriegsberichterstattung, indem ich direkt bei Kampfhandlungen anwesend bin, Munition und schwere Waffen zu sehen bekomme oder direkt mit Soldaten über deren „Arbeit“ spreche. Ich wurde öfters gefragt, ob ich das wolle, was ich aber immer wieder ablehnte. Eine Ausnahme war der Besuch beim „Rechten Sektor“.

Vielmehr wollte ich wissen, wie der Alltag der Zivilbevölkerung unter solch außerordentlichen Bedingungen aussieht: was denken „normale“ Menschen und wie gehen sie mit all dem um. Schließlich sind sie Geiseln der Situation, was sich zum Beispiel in den Worten meiner Gastgeberin in Marinka zeigte: „Da sind ukrainische Soldaten und wollen uns beschützen. Doch weil sie hier sind, gibt es diese Kämpfe. Wir brauchen sie nicht.“

Ein anderer Aspekt, der mich interessierte, war die Solidarisierung und gegenseitige Unterstützung in der Bevölkerung. Hier lernte ich leuchtende Beispiele kennen, wie den evangelischen Pastor Sergey Kosyak in Marinka, der nicht nur die Bäckerei ermöglichte, sondern auch sonst großartige Arbeit leistet; die Schuldirektorin von Marinka, welche sich enorm für ihre Schützlinge einsetzt; die Künstlerin Olga in Krasnogorowka, die Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Kunstworkshops hilft, um den Kriegsstress zu verarbeiten; Alexej, der Direktor des Kinderheims in Pokrowsk, der selbst unter den schwieriger gewordenen Bedingungen den Menschen ein Vorbild ist; Eduard aus Kramatorsk, der mit Marina Bondas unterwegs war und dort unglaubliches leistet; oder auch die Goldschmiede, die von Kiew aus helfen; aber vor allem die beiden Alexander, die mir all das zeigten und diese Reise möglich machten. Mir sind noch viele weitere Beispiele bekannt, über deren Arbeit ich allerdings nicht erst aus dem Donbass weiß.

Ein weiteres Fazit daraus ist, dass Krieg Menschen näher zusammenbringt, wobei manche herausragen und für mich die wahren Helden sind, weil sie die Not lindern und Hoffnung vermitteln. Krieg bringt nicht nur die schlechtesten Seiten der Menschen hervor, sondern auch teilweise die besten. Alexander, unser Fahrer, sagte zu mir, dass es überall Idioten, Egomane und Profiteure gibt. Ich solle verstehen, dass es aber auf beiden Seiten der Front gute, aber auch schlechte Leute gibt. Unter den Guten verstand er Humanisten, denen Ideologie, Ethnie oder Religionszugehörigkeit absolut egal sind und die den Menschen im Menschen sehen.

Das abschließende Fazit für mich ist vielleicht pathetisch: die ATO-Zone verändert einen, wenn man bewusst dort war und sich emotional darauf einließ. Man lernt viel über das Leben und bekommt einen anderen Blick auf das allgemeine und eigene Dasein. Es wird gelacht und gescherzt; es gibt einen eigenen Humor, aber auch nachdenkliche Momente und haarsträubende Geschichten. Doch vor allem lernt man zu glauben und zu vertrauen, dass Menschlichkeit existiert. Ohne dies wäre es sinnlos, diesen Krieg zu führen, der auch deshalb seine Legitimation hat, weil er ein Kampf zwischen Gut und Böse ist. Und ich glaube daran, dass die Ukrainer siegen werden.

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Rückkehr aus dem Donbass und bei den ATO-Goldschmieden (27.10.2016)

Rückkehr aus dem Donbass und bei den ATO-Goldschmieden (27.10.2016)

Am Samstag, den 22. Oktober, ging es also früh morgens zurück nach Kiew. Alexander, der Fahrer, brachte mich zum Bahnhof. Die Verabschiedung fiel herzlich aus und er meinte, wenn ich irgendetwas brauche oder in Schwierigkeiten sei, solle ich mich melden. Auf der 8-stündigen Fahrt ging mir durch den Kopf, was ich erlebt hatte. Ich spürte keinen Stolz, dass ich auf eigene Faust, völlig allein und ohne klares Ziel, im Donbass war, sondern überlegte, was ich aus den Eindrücken machen werde und wie ich diesen Menschen, die dort unglaubliches leisten, helfen kann.

In Kiew angekommen, schrieb ich einer Freundin aus Deutschland, von der ich wusste, dass sie in der gleichen Woche auch in der ATO-Zone war. Mir war allerdings nicht bekannt, ob sie bereits zurück nach Deutschland ging. Sie antwortete, dass sie am 23. Oktober von Schuljany, dem innerstädtischen Flughafen von Kiew, zurück nach Deutschland fliegt und wir machten aus, uns dort wenigstens kurz zu treffen.

Also fuhr ich am Sonntag mit dem Bus zum Flughafen, wo sie bereits wartete. Sie war in der Umgebung von Kramatorsk unterwegs, um dort mit einer Gruppe ehemalige „Gefängnisse“ der „Separatisten“ zu besuchen und Verbrechen gegen Menschenrechte aufzuklären. Wir unterhielten uns über unsere Erlebnisse, die relativ ähnlich waren und die wir doch mit unterschiedlicher Intension gemacht hatten.

Nach einer Stunde musste sie dann los zum Abfluggate und ich fuhr mit dem Bus zurück in die Richtung, wo ich in Kiew wohne. Das ist bei Babyn Jar, der Schlucht, wo Deutsche 1941 nach der Eroberung von Kiew fast 34.000 ukrainische Juden umgebrachten. Zum 75. Gedenktag wurde der heutige Park restauriert, was ich bisher nicht gesehen hatte. Da es in meiner Wohnung sowieso kalt war und ich auch etwas Abstand von meiner Reise in den Donbass wollte, ging ich dort spazieren (Bilder).

Danach, wieder in meiner Wohnung, verfasste ich einen Gesamtbericht zu meiner Reise in den Donbass (hier).

Am Montag, den 24. Oktober, hatte ich dann wieder Übersetzungen zu erledigen, weshalb mir keine Zeit blieb, mehr zu schreiben. Erst an den nächsten Tagen fing ich an, jeweils Berichte zu den einzelnen Stationen im Donbass zu tippen. Nebenher sortierte ich die vielen Bilder, wobei mir auch Alexander (der Pastor) seine Bilder schickte.

Noch in Kramatorsk (am 17.10.2016) sah ich, wie Eduard in seiner Wohnung mit Marina Silberkettchen zusammensuchten. Eines seiner Hobbys ist, alte Uhren zu restaurieren, die ebenfalls Silbergehäuse hatten. Dieses Silber sollte zu einer Goldschmiede nach Kiew, wo es eingeschmolzen wird, um daraus „Orden“ für die ATO-Kämpfer zu gießen.

Da ich vor über 10 Jahren selbst Silber als letzte Notreserve kaufte, wollte ich einen Teil davon abgeben. Eduard schrieb mir am 26. Oktober, wo sich die Goldschmiede befindet. Das war zirka 30 Minuten von mir zu Fuß entfernt. Am nächsten Tag rief ich dort an und machte mich kurz nach Mittag auf den Weg.

An der Adresse angekommen, stand ich vor einem Gebäude von KiewGaz. Ich ging hinein und fragte, wo sich die Goldschmiede befindet, was der Wachmann am Eingang nicht wusste und mich in den 3. Stock (ukrainische Zählung) schickte. Oftmals werden nämlich solche Gebäude mehrfach genutzt und es befinden sich die unterschiedlichsten Gewerbe darin.

Doch in dieser Etage wusste auch niemand etwas von einer Goldschmiede, weshalb ich nochmals anrief. Es hieß, dass ich schon richtig sei, aber vor dem Eingang warten solle. Mein Ansprechpartner wollte mich abholen und kam tatsächlich wenige Minuten später. Wir gingen zusammen in einen Hinterhof, wo sich eine Art Garage befand, in der die Goldschmiede untergebracht war. Sie arbeiten dort zu Dritt.

Sie zeigten mir, wie sie die Orden herstellen und im Gespräch erfuhr ich, dass sie Eduard eigentlich gar nicht persönlich kennen. Sie selbst waren nie im Donbass, also auch nicht im Krieg, doch sie wollten helfen. Viel Geld hätten sie nicht, aber da sie bereits vor der Revolution und dem Krieg schon Silberschmuck und Souvenirs aus Silber herstellten, wollten sie mit ihrem Können einen Beitrag leisten.

Auf meine Frage, was sie von dem Krieg insgesamt halten, antworteten sie, dass es sich nach ihrer Meinung um ein politisches Spiel handelt, bei dem gewisse Leute ihre Interessen vertreten und daran auch verdienen. Die einfachen Menschen und Soldaten hätten damit eigentlich nichts zu tun. Selbst in Russland gäbe es normale Menschen, die durch die mediale Propaganda „verseucht“ seien. Russenhass? Fehlanzeige.

Diese Auffassung hörte ich auch im Donbass sehr oft und sie klingt eigentlich auch vernünftig. Allerdings war mir auch der Hass auf die gegnerischen Kämpfer bekannt, der daher rührte, dass sie in dem Spiel mitmachten und nicht einsehen wollten, instrumentalisiert zu werden. Auf ukrainischer Seite würden sie zumindest ihr Land verteidigen.

Nach der Übergabe des Silbers erhielt ich von den Goldschmieden selbst einen kleinen Orden in einer Schatulle, wofür ich mich sehr bedankte. Außerdem rief mich Alexander (der Fahrer im Donbass) an, um sich zu erkundigen, wie es mir geht. Er selbst war gerade in Lwiw in der Westukraine. Alles in Ordnung!

Während des Besuchs in der Goldschmiede machte ich ein paar Bilder und verabschiedete mich nach knapp 30 Minuten wieder. Auf meinem Rückweg dachte ich über den Irrsinn dieses Krieges nach, durch den immer noch Menschen sterben oder verwundet werden.

Wieder in der Wohnung angekommen, merkte ich, dass wenigstens die Heizkörper warm waren, was es einfacher machte, am Computer zu sitzen und die Berichte zu verfassen.

Über die „Respublika Mist“ nach Awdijiwka (21.10.2016)

Über die „Respublika Mist“ nach Awdijiwka (21.10.2016)

Ursprünglich wollte mir Alexander eigentlich Pisky zeigen, wo es eine Kirche gab, die unter dem Beschuss stark gelitten hatte. Allerdings erkundigte er sich wie jeden morgen, bevor wir tiefer ins Kriegsgebiet fuhren, nach der Lage und es hieß, dass es zu gefährlich sei, dorthin zu fahren. Deshalb ging es nur bis zum Checkpoint kurz vor Pisky, der von jedem dort „Respublika Mist“ („Republik Brück“) genannt wird.

Pisky selbst liegt kurz dahinter auf dem Weg zum Donezker Flughafen und ist immer noch stark umkämpft. Videos von dort (zum Beispiel ein Video vom Juni 2016) zeigen die enorme Zerstörung – einschließlich der Kirche (Foto).

Als ich im August schon einmal dort war und von dieser „Respublika“ hörte, dachte ich, das sei eine Verballhornung der selbsternannten „Volksrepubliken“ und die Ukrainer würden Humor zeigen. So beginnt eine Videoreportage über den Blockpost, wie die Checkpoints eigentlich heißen, mit den Worten: „Auf der Karte der ATO erschien eine weitere Republik…“ Tatsächlich haben viele Blockposts Namen. So auch einer, der an einer Bushaltestelle liegt, die wie ein riesiges Straussenei aussieht – das ist der Blockpost „Jaizo“ („Ei“).

Auf dem Weg zur „Respublika Mist“ fährt man an einem zerstörten ukrainischen Panzer vorbei. Die Straße, die direkt auf den Blockpost zuführt und eigentlich durch das Dorf Perwomajske geht, ist von zerstörten Häusern umgeben (meine Bilder). In dem Dorf selbst leben immer noch Menschen. Auf ukrainischer Seite, wo wir waren, hörte man zwar das mittlerweile gewohnte Maschinengewehrknattern und Geschützdonner, aber das aus einiger Entfernung – aus Pisky.

Am Blockpost selbst sind nicht mehr so viele Soldaten. Ich sprach auch nicht mit ihnen. Zwar hatte ich eine Akkreditierung für die ATO-Zone, aber für dieses militärisch wichtige Objekt, brauchte ich eine Sondergenehmigung des ATO-Stabs, was ich nicht beantragte. Und um ehrlich zu sein, ich hätte auch gar nicht gewusst, was ich fragen sollte. Im Sommer war selbst Petro Poroschenko dort, worüber in ukrainischen Medien ausführlich berichtet wurde (ein Video).

Der Checkpoint liegt unter einer Brücke, deren Bau bereits vor dem Krieg begann, aber nie fertig gestellt wurde. Davor führt eine Straße links weg, worüber man eigentlich nach Awdijiwka kommen kann. Doch die Soldaten am Blockpost meinten, wir sollten dort nicht fahren, da der Weg immer wieder unter Beschuss stünde.

Nach unserer Fotosession, wie es viele Fotografen und Journalisten dort vornehmen, weshalb diese „Republik“ heute eher ein „Touristenziel“ ist, fuhren wir also zurück und nahmen einen anderen Weg Richtung Awdijiwka.

Kurz vor der Stadt sahen wir ein brennendes Haus. Das war allerdings nicht durch Beschuss in Brand geraten, sondern anderweitig. Ein relativ neues Feuerwehrauto stand davor und begann zu löschen. Ein weiteres kam aus Awdijiwka. Ich dachte nur, dass wir uns hier im Kriegsgebiet befinden, aber selbst für solche Fälle muss vorgesorgt sein. Es war alles so surreal, denn woran erkannte ich eigentlich, dass wir uns in einer der „heißeren Zonen“ aufhielten? An den „Kriegsgeräuschen“ – verursacht von Maschinengewehren, Mörsern, Granatwerfern, Artillerie? An den Kriegsschäden? Letzteres nicht wirklich, denn in manchen Dörfern der Ukraine, die ich fern ab vom Krieg sah, machten ebenfalls den Eindruck, als hätten Bomben eingeschlagen – doch dort zerfielen die Häuser einfach.

In Awdijiwka selbst, machten wir kurz nach dem Blockpost Halt, wo Alexander einem Kommandeur Unterlagen übergab. Dort erfuhren wir, dass Marina (Bondas) in dem Neunstöcker sei, wo wir bereits im August waren. In einem der Häuser befinden sich jetzt unter anderem Unterkünfte für das Militär – von Sanitätern, über Geistliche, bis hin zu Soldaten.

Am Haus angekommen, rief ich Marina an und meinte, wir stünden nun dort, wo sie gerade sei. Doch sie war bereits zu der Familie gegangen, wo sie übernachten wollte. Das war in Alt-Awdijiwka, unweit dem Standort, wo wir uns gerade befanden. Allerdings gingen wir noch in den Neunstöcker, wo Alexander mit zwei Geistlichen sprach, die vor kurzem aus der Westukraine kamen und ihren Dienst vor Ort aufnahmen. Ich filmte draußen noch den danebenstehenden Neunstöcker, weil es zu dämmern begann (Video).

Der andere Alexander, der das Auto fuhr, brachte mich also zu Marina. Das etwas brummelnd, denn etwas weiter lag das Industriegebiet, wo während der Tage meines Aufenthalts in der ATO-Zone immer wieder gekämpft wurde. Ähnlich, wie in Marinka, wobei in Awdijiwka nur die eng angrenzenden Wohngebiete in Mitleidenschaft gezogen wurden. Er meinte, ins Industriegebiet würde er nicht mit mir fahren.

Doch wir fanden das Haus, an dem ich draußen einen Aufkleber der EU sah, dass sie beim Wiederaufbau geholfen hätten. Irgendwie kam es mir so vor, als sei das ein Trostpflaster für die Bevölkerung im Kriegsgebiet und von der EU Aktivismus, um gewissensberuhigend zu zeigen, dass überhaupt etwas getan wird. Ob man sich dort im klaren darüber ist, dass jeden Moment wieder eine Granate in das frisch, nachhaltig, mit neuester Isolation renovierte Gebäude einschlagen kann?

Da ich mich bei Alexander beklagte, er sei beim letzten Treffen mit Marina etwas schroff gewesen, übergab er ihr dieses Mal ein Blümchen und entschuldigte sich bei ihr in Bezug auf meine Beschwerde. Aber wie ich bereits am Bahnhof beim Fahrkartenkauf erfuhr, sind die Donbasser nicht ganz so freundliche Wesen.

Zu meiner Überraschung sprachen dann die Hausbesitzer ukrainisch. Marina hatte ihre Kinder im Sommer nach Deutschland zu einem Sommercamp eingeladen, wo ich zufällig auch vorbei schaute. Aber ich erinnerte mich nicht an deren Gesichter. Im August, als ich zuletzt in Awdijiwka war, trafen wir andere Kinder dieser Gruppe.

Wir bekamen Tee und Kuchen serviert und dann filmte Alexander draußen mein kurzes Interview mit Marina (Video). Zuerst wurde heftiger im Hintergrund geschossen und die Kanonenschläge waren stärker, aber Alexander hatte nur den Fotoauslöser gedrückt, statt auf Videoaufnahme. Deshalb mussten wir das wiederholen, wobei die Soldaten dann wohl gnädiger waren und keinen solchen Krach veranstalteten.

Da die Familie mit Marina noch für den Abend Pläne hatten, nahmen wir sie im Auto bis zum Stadion mit und warteten vor dem Neunstöcker auf Alexander (den Pastor), der dort mit den beiden Geistlichen blieb, um mit ihnen etwas zu besprechen.

Unser Fahrer (auch Alexander) erzählte mir dann eine Geschichte aus dem Krieg:

Eines Abends, im Herbst 2014, waren sie auf einer der schlechten Straßen unterwegs und es begann zu regnen. Plötzlich sah er im Scheinwerferlicht ungewöhnliche „Hubbel“ auf der Straße: Minen!

Im Schritttempo fuhr er weiter und passte angespannt auf, keine dieser „Hubbel“ zu berühren. Das ging vielleicht einen Kilometer so und dann sah er einen Blockpost. Doch er wusste nicht, ob es die „unseren“ oder die „anderen“ sind. Selbst wenn es die „unseren“ waren, könnten sie das Feuer auf Unbekannte eröffnen, die dazu noch mit einem Militärfahrzeug fuhren.

Also stieg er schweißgebadet aus und ging langsam mit erhobenen Händen auf sie zu. Zum Glück, es waren die „unseren“.

Plötzlich meinte er zu mir, ob ich den Sanitätswagen vorne an der Straße gesehen hätte. Da ich aber damit beschäftigt war, seine Geschichte zu verstehen, fiel es mir nicht auf. Doch kurz darauf kam ein Fahrzeug und brachte einen Verwundeten, wohl aus dem Industriegebiet, der fürchterlich schrie. Alexander meinte, das sei die Angst vor dem Tod.

Wir saßen im Auto und draußen spielte sich das für mich durch die Scheibe getrennt ab, als wäre es im Fernsehen. Ich wollte nicht aussteigen, wie Alexander zu mir meinte, denn ich wäre mir vorgekommen, wie ein sensationsgeiler Schaulustiger. Mir reichte, was ich sah und hörte. Die Sanitäter maulten den Verwundeten grob an, er solle die Schnauze halten. Er wurde wohl in den Beinen getroffen, denn sie trugen ihn. Genau weiß ich es nicht.

Der Rettungswagen, in den der Verwundete verladen wurde, war gerade losgefahren. Alexander meinte, sie brächten ihn nach Pokrowsk ins Krankenhaus. Da fuhr auch schon der andere Wagen Richtung Industriegebiet, der den Verwundeten gebracht hatte.

Der Innenraum unseres Wagens füllte sich nach dieser Szene mit Schweigen. Es dauerte noch gut eine Viertel Stunde, bis Pastor Alexander kam und wir uns gemeinsam nach Pokrowsk auf den Weg machen konnten. Abends, gegen 20 Uhr, auf fürchterlichen Straßen, wo in der Dunkelheit gerne realer Krieg gespielt wird, dann, wenn die Beobachter der OSZE ihre Mission für ein paar Stunden unterbrechen.

Wir brauchten für die 70 Kilometer gut 2 Stunden. Da dachte ich an den Verwundeten, den man die gleiche Strecke fahren musste.

Alexander, der Pastor, übernachtete bei sich zu Hause. Wir verabschiedeten uns herzlichst. Den einzigen Auftrag, den er mir mitgab, war, darüber zu berichten, was ich hier im Donbass gesehen hatte. Und Alexander, unser Fahrer, fuhr mit mir ins Kinderheim, wo ich nochmals übernachten konnte, weil es nicht weit vom Bahnhof entfernt lag. Von dort sollte es am nächsten Morgen um kurz nach halb 5 Uhr für mich zurück nach Kiew gehen. Zurück in eine andere Welt…