Stöhnen über die Arbeit

So interessant manche Übersetzungen auch manchmal sind, ab und zu würde ich dann doch lieber auf die Informationen verzichten, um die es darin geht. Es sind ja nicht nur die Kampfhandlungen und der Krieg (was an sich schon verzichtenswert wäre), sondern auch damit verbundene infrastrukturelle Probleme, wie die Lieferung von Medikamenten an medizinische Einrichtungen, die es bereits vor dem Krieg gab. Das gesamte Ausmaß eines Krieges geht eben viel weiter als das, was in Geschichtsbüchern dann unter „großen Schlachten“ mit Daten versehen wird. Manchmal möchte man nur noch weglaufen…

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Gesprächsprotokoll mit Mitarbeitern der OSZE

Gesprächsprotokoll mit Mitarbeitern der OSZE

Heute hatte ich die Gelegenheit, mit OSZE-Mitarbeitern (aus Wien) zu sprechen (rein privat und informell). Eine der Gesprächspartner kam gerade von einem Besuch aus Moskau, ihrer Heimatstadt, hat aber Wurzeln in der Westukraine, weshalb ich eine pro-russische Haltung ausschloss. Die Gesprächsinhalte drehten sich einmal um die Kritik an der OSZE, wobei hier klar gemacht wurde, dass die wenigsten wissen, was es mit dieser Organisation auf sich hat (entstanden in den 1970er Jahren als Gesprächsplattform zwischen den USA und der UdSSR). Zudem ist die Beobachtermission der OSZE auf Einladung der Ukraine im Land, wobei in Kauf zu nehmen ist, dass der OSZE auch Russland angehört. Das „Personal“ ist dabei relativ jung und unerfahren, weshalb es zu „medialen Missverständnissen“ kommt. Das Argument, die OSZE habe eigentlich keine „Kriegserfahrung“ wurde in dem Gespräch dementiert, da die OSZE durchaus in Jugoslawien und Georgien „präsent“ war. Die OSZE ist übrigens auch auf „Aufklärungsmission“ unterwegs, um ihre Arbeit und Aufgaben zu erklären (kürzlich in Odessa – für Kiew leider noch nicht geplant, da unterfinanziert).

Mich interessierte dann allerdings eher die Stimmung in Moskau, bzw. in Russland. Hier wurde meine Erwartung erfüllt, dass Putin relativ starken Rückhalt in der Bevölkerung habe. Das, weil er nach dem Chaos der 1990er eine gewisse Stabilität einschließlich einen bescheidenen Wohlstand brachte (vor allem in den Großstädten entstand eine Mittelschicht). Zudem fehle es in Russland an einer wirklich ernstzunehmenden Opposition, was Putin (und seinem Apparat) zusätzliche „Legitimation“ bei der Bevölkerung einbringe. Das entschuldige zwar nicht die Methoden, erkläre aber selbst unter den Intellektuellen eine gewisse Sympathie.

Auf die Frage, wie es um den „Faschismus/Nationalismus“ in Russland bestellt sei, bekam ich zu hören, dass es eine Tendenz in diese Richtung gäbe, aber Putin dies eher für seinen Machterhalt gebrauche, als dessen „geistiges Kind“ zu sein. So werden zum Beispiel rechte Aufmärsche („Russischer Marsch“) geduldet, aber das dann doch nicht im Stadtzentrum, sondern eher in Randgebieten. Trotzdem wäre es gefährlich, mit solchen Dingen zu spielen (man erinnere sich an Girkin/Strelkow, der vor einem „Marsch auf Moskau“ warnte, sollte Putin „Neurussland“ fallen lassen). Insgesamt sei die Idee „Neurussland“ eher eine Befriedigung dieser (rechten) Kräfte, als wirkliches „Staatsprogramm“. Vielmehr wolle man am Beispiel Ukraine demonstrieren, dass Revolutionen zu Chaos führen, um so etwas in Russland zu vermeiden (eine ähnliche Einschätzung hatte ich auch bei Andreas Umland gelesen).

Auf die Krim angesprochen, bekam ich eine gespannte Antwort, da eine persönliche Meinung nicht mit der Arbeit vereinbar sei. Das Thema wäre schwierig, wobei Nawalny und Chodorkowski wohl der Annexion zustimmen; ob aus Kalkül, weil die Krim ein Reizthema ist, oder aus Überzeugung, lässt sich nicht ausmachen. Beiden wird aber kaum politisches Gewicht eingeräumt. Nawalny wurde sowieso auf „clevere“ Weise „ruhig gestellt“ und Chodorkowski hat einerseits keine wirklichen Ambitionen, und wird andererseits (in Russland immer noch) als Oligarch gesehen.

Die Krim-Annexion sei aus einem (geo)strategischen Kalkül vollzogen werden, aber auch um im Land wieder eine „pro-Putin-Stimmung“ zu erzeugen (ich erinnere mich an eine andere Aussage, die das ganz gut beschreibt: Man wird sich an Putin erinnern, dass er die Krim „nach Hause holte“, unter welchen Umständen und Folgen, das sei zweitrangig – wir haben in Deutschland die Erfahrung mit Helmut Kohl und der Wiedervereinigung). In Russland (und auch auf der Krim!) wird diese Annexion weitgehendst positiv aufgefasst. Prinzipiell, einmal abgesehen von der rechtlichen Ausgangslage, sei gegen die Annexion der Krim nichts einzuwenden, wären da nicht Verfolgungen der Krimtataren und die rechtliche Willkür aufgrund der unklaren Situation.

Dabei will ich es belassen. Was ich hier wiedergab, stellt ein persönliches Protokoll dessen dar, an was ich mich gerade von dem Gespräch erinnerte.